Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 3-4 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 dem Zorne, freien Lauf. So trat er eines Morgens in das Haus seiner Gemahlin, als sie eben ihren äthiopischen Psalter las. Sie stand nicht auf, wie es abessinische Hofsitte fordert, worüber der König sich heftig erregte. Doch seine junge Frau wußte ihn bald zu besänftigen. Als sie ihre Andacht beendigt hatte, ging sie ihrem erzürnten Eheherrn entgegen und sagte: »Mein Herr, ich habe mich soeben mit dem König der Könige unterredet und habe deshalb Ihren Eintritt nicht bemerkt!« Dies genügte, um den König zu versöhnen. Die junge Königin stand damals auf der Höhe ihres Glückes; denn ein Sohn belebte die Einförmigkeit ihres Daseins und setzte sie bei ihrem Gemahl und dem Volk in Ehren. Sie gab ihrem Kinde, wie es bei abessinischen Müttern Sitte ist, einen Gelegenhcitsnamen »Alemayu« (er hat die Welt gesehen). Diese ihre Ahnung ging wirklich in Erfüllung. Denn der junge Prinz ist nach dem Feldzug 1868 nach England und von dort nach Bombay und wieder zurück nach England gereist, wo er vor zwei Jahren in Leeds starb. Nicht lange durfte Woisero T'erreiwork (so hieß die Königin) sich ihres häuslichen Glückes freuen — ihr Leben wurde bald durch die schroffe Herrschaft ihres Gemahls verbittert, und sie selber war nicht gewillt nachzugeben. Sie, eine Fürstentochter, fühlte sich in ihrer Würde tief verletzt, als all ihr Bitten und Flehen für ihren Vater und ihre Brüder, die der König aus politischen Gründen auf Magdala gefangen hielt, vergeblich waren. Ihre Liebe zum Könige erkaltete — stolz kehrte sie ihm den Rücken. Der Zwist im königlichen Hause wurde bald bekannt; die Königin unterließ auch, ihrem Manne »die Füße zu waschen«. Diese patriarchalische Huldigung erwartet jeder abessinische Eheherr von seiner Frau, und wird diese Dienstleistung von letzterer freundlich verrichtet, so trägt es sehr viel zum guten Einvernehmen bei. In einem Lande, wo Alles barfuß geht, ist auch das allabendliche Fußwaschen zu einer guten Nachtruhe unentbehrlich. Aber nicht blos für die Königin, sondern auch für die bis dahin hoffnungsvolle Mission begannen jetzt böse Zeiten. Der König hatte einen Streit mit der englischen Regierung. Das bot ihm eine willkommene Gelegenheit, der Mission einen Stoß zu versetzen. Es ärgerte ihn, daß durch die Arbeit der Missionare