Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 1-2 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Hermann Liebstem, ein Ädvokat. Jewisli Heralcl entnehmen wir folgende Lebensbeschreibung: Hermann Liebstein war 1829 in Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, geboren. Seine Eltern, wohlhabende Leute, gehörten zu den aufgeklärteren orthodoxen Juden, seine Mutter war eine Frau von reichem Gemüthe. Als Kind erhielt er eine ordentliche jüdische Erziehung; im fünfzehnten Jahre trat er in die polytechnische Schule seiner Vaterstadt ein, um Mathematik und Sprachen zu studiren. Hier gehörte er stets zu den ersten Schülern. Nachdem er die Schule verlassen, wollte er sein Glück aus- . wärts suchen. Zuerst ging er nach Bukarest, dann als Flüchtling nach Beendigung des ungarischen Revolutionskrieges nach'Konstantinopel. Inzwischen hatte er sich vom rabbinischen Gesetze losgesagt und war ein Rationalist geworden. In Konstantinopel wurde er mit Missionar Schaufler bekannt, der ihn auf das Evangelium wies. Das Christenthum, welches er bisher nur in der päpstlichen Gestalt kennen gelernt hatte und ihm als eine Art Götzendienst vorgekommen war, sah er hier in einer andern Gestalt. Er beschloß es au seiner ersten Quelle zu erforschen und begann das Neue Testament ohne Beihilfe sorgfältig zu lesen; je weiter er aber in denlselben vorschritt, desto mehr fühlte er sich von ihm angezogen und desto mehr war er über seinen Inhalt erstaunt. In dieser Gemüthsverfassung beschloß er nach England zu gehn. Der Kapitän des Schiffes, welches er wählte, war ein ernster Christ, der seine Religion in alles, was er that, mitnahm. Bei Durchschisfung des Meerbusens von Biscaya hatte er einen jener entsetzlichen Stürme zu bestehen, die das Herz des Kühnsten mit Schrecken erfüllen, und man gab bereits alle Hoffnung, das Land wieder zu sehen, auf. Der Kapitän schrieb ein kurzes Abschiedswort an seine Frau, schloß diesen und andere Briefe in eine versiegelte Flasche ein und traf alle Vorbereitungen mit einer Ruhe, die auf den jungen Juden einen tiefen Eindruck machte und ihm das Christenthum von einer neuen Seite zeigte. Der Sturm legte sich, und alle waren gerettet. Der Einfluß dieser Tage aber war kein vorübergehender.