Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 1-2 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 liches Werk an den Juden in ihrer Mitte überkommen hätten. Denn ein christliches Volk hat sich selbst unter das Gesetz der Liebe gestellt, die auch den Irrenden nachgeht und sie zurechtzubringen sucht. Aber davon will freilich der Antisemitismus nichts wissen, denn er will der Rasse und will nicht Christo leben. Die Jndenfrage ist darum für nnö eine so schwere Frage geworden, weil wir uns nicht haben entschließen können, als Volk einfach in den Dienst Christi zurückzukchren. Von den falschen Grundsätzen des allgemeinen Menschthums sollten wir durch die Erfahrungen, die wir unter demselben mit den Juden gemacht haben, geheilt werden; aber eben eine wirkliche Heilung hatte Gott für uns im Sinn. Statt dessen empfiehlt man uns, die Krankheitsstoffe durch den Antisemitismus in uns zu verdoppeln, und also die Buße dem heiligen Gott zu verweigern. Das kann nichts Gutes bringen, denn Gott läßt sich nicht spotten. Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Die Rasscnfrage droht einen Weltkrieg zu entzünden. An der Rassenfrage können Oesterreich und Rußland ans einanderreißen, und die Rassenfrage könnte es zur Folge haben, daß der Lavastrom der Franzosen und Slaven sich einmal über uns dahinwälzt, um uns zu vernichten. Spielen wir also nicht mit dem antisemitischen Feuer, das je länger je mehr ein bloßes Feuer des Rassenhasses werden will! Hier haben wir gläubige Christen, die cs mit unserm Volke gut meinen und seine christliche Aufgabe verstehen, eine hohe Aufgabe. Wir werden freilich zunächst durch unser Eintreten für ein christliches Volks- und Staatswesen bei vielen Juden wenig Dank ernten; aber wir werde» doch in Wahrheit ihnen bessere Freunde sein als alle Philosemitcn oder modernen Judenfreunde, die den Christenglauben verloren haben. Denn wir werden die einzige Macht, welche das Feuer des Judenhasses löschen kann, gegen dasselbe aufbieten. Aber darum gilt es, heilige Hände und Herzen mitbringen. Auch viele gläubige Christen nähren noch in ihrer Seele das verderbliche Gift der Abneigung oder Antipathie gegen die Juden. Wo heiliger Ernst herrschen sollte, lassen sie diese Abneigung in sich wuchern, und das erstickt dann auch jenen Sinn der christlichen Liebe in ihnen, welcher allen Fehlenden mit dem rettenden, seligmachendcn Evangelium nachgchn heißt und hierzu mächtig treibt.