Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 1-2 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts nun sagten sich auch die. Völker, gleich viel, welchem Glauben sie angehörten, und gestanden es sich nicht weniger die Juden selbst, daß der eigentliche und tiefste Grund dieser Zwietracht zwischen den Juden und ihrer Umgebung die Verschiedenheit der Religion sei. Was im innersten Geiste und Gemüthe, im innersten Herzen und Gewissen auseinandergeht, das kann auch im täglichen, im gesellschaftlichen, im staatlichen Leben nicht eins werden — dies war die Ucberzeugung, welche man auf allen Seiten hegte, und welche ja freilich das Leben unaufhörlich bestätigte. Sieht man die Weltgeschichte an, so tritt es Einem auf allen Blättern derselben entgegen, daß Göthe Recht gehabt hat, wenn er schrieb: »Ihr einziges Thema ist der Kampf des Glaubens und des Unglaubens«. Die Kämpfe zwischen Christenthum und Heidenthum, zwischen Christenthum und Muhammedanismus, zwischen dem Kirchen- und dem Sektenglanben, zwischen römischem Katholizismus, griechischem Katholizismus und Protestantjsms, zwischen Kirche und Staat, zwischen Religion und Wissenschaft oder Zeitbildung machen in Wahrheit das Leben der Nationen bis heute aus. Die Juden konnten keine Ausnahme bilden. Ihre frühere Zeit war, wie sie selbst es wohl wissen, lediglich eine Zeit des Kampfes um religiöse Fragen. Um der Religion willen find sic ein Volk geworden und haben sie aufgehört, eine selbständige Nation zu sein. Mit einer Frage der Religion und in sich selber eine Frage der Religion, so sind sie unter die Völker zerstreut worden, und diese Frage ist auch als eine sehr ernste und schwere stets zu Tage' getreten. Das Gewicht derselben haben die früheren Zeiten sehr klar gefühlt. Muhammedaner und Heiden aber besaßen nicht die geistigen Mittel und Kräfte, um die rechte Stellung der Ihrigen zu den Juden herbeizuführen, und um die Frage selbst auch nur recht zu verstehen. Die Christenheit, welche das untrügliche Gotteswort besaß, war hierdurch besser daran; aber man wird nicht sagen können, daß sie so, wie es ihr eben dieses Wort zeigte, die Frage für sich selbst und für die Juden ausgenommen hätte. Man verzweifelte in der Hauptsache daran, daß man mit den Juden in ein rechtes Verhältniß kommen könnte, oder glaubte, daß man gegen sie, weil sie den Bund Gottes gebrochen hätten,