Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1882-01-01 · 11-12 (1882) · page 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
38 (1882)
Issue
11-12 (1882)
Date
1882-01-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2554541-2554884-2554891--07920-2563941
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

194 Von Anfang an gewann er das Vertrauen und die Achtung der armen, niedergetretenen Juden des Ghetto. Kurz nachdem das Befreiungsheer Victor Emanuels in Rom eingedrungen war, überfluthete der Tiber seine Ufer und setzte das Ghetto unter Wasser, das bis zu den ersten und selbst bis zu den zweiten Stockwerken der Häuser stieg. Dr. Philip konnte nicht von Haus zu Haus gehen, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Er nahm ein Boot und segelte nun vom Morgen bis zum Abend zwischen den Häusern hin und her und brachte den Nothleidcnden Hilfe. Der verstorbene Dr. James Lewis, welcher damals Geistlicher der Schottischen Kirche in Rom war, hat sein Zeugniß über diese unermüdlichen Bemühungen Dr. Philip's abgelegt. Derselbe begleitete den letzteren oft znm Ghetto und stand ihm bei. Sie liebten einander wie Brüder, und der Tod des Dr. Lewis 1872 ging dem Dr. Philip daher tief zu Herzen. Zwei Töchter des Missionars halfen demselben in seinen Arbeiten treulich; dieselben lehrten die Jüdinnen nicht allein sich ein ehrenhaftes Brot erwerben, sondern auch dem Evangelio vom Kreuze mit Ehrfurcht zuhörcn. 50 bis 60 Jüdinnen besuchten die Nähstunden der Missionarstöchter und sangen mit ihnen die lieblichen Jesuslieder. Taufen wurden dem Dr. Philip im Ghetto freilich nicht geschenkt, aber so mancher Jude daselbst hatte Christum wohl erkannt, und es fehlte ihm nur der Muth, durch ein öffentliches Bekenntniß alle Familienbande zu zerreißen. Eine alte Jüdin starb, ihre Hände in die des Missionars gelegt, und ihre letzten Worte waren ein Dank, daß er sie zum Heilande gebracht habe. Am Ghetto hing sein Herz, und er wußte auch die Theilnahme Anderer für dasselbe zu gewinnen. Gern hätte er in demselben eine Kirche und eine Industrieschule errichtet gesehen, und obgleich er vor der Erfüllung dieses Wunsches starb, ist doch Hoffnung vorhanden, daß derselbe sich noch verwirklichen werde. Jedenfalls war cs ein großer Erfolg, daß es ihm glückte, die Nähklassen einzurichten, und daß seine Gottesdienste im Ghetto stets besucht waren. Nichts liebte er mehr, als wenn dort die verschiedensten evangelischen Prediger ihre Ansprachen hielten und die Liebe Jesu verkündigten. Zu seinem Gedüchtniß hat man nach seinem Tode beschlossen, im Ghetto wöchentlich einen Gottesdienst aller Evangelischen, welchen Kirchen sie auch angehören mögen, zu halten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.