Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 11-12 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554884-2554891--07899-2563920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 Juden in Rußland. Die Missionsarbeit trägt daher in diesein Laude noch einen anderen Charakter. Die Londoner Mission im Königreich Polen hat vollauf zu thun, und die religiöse Frage beschäftigt dort die Gemüther. In Warschau und Polen überhaupt werden in den evangelischen Kirchen oder in Sälen Predigten gehalten, zu denen die Juden eingeladen werden, die dann zahlreich zu erscheinen pflegen. Mehrere Tausend Inden haben auf solche Weise das Evangelium gehört; das eine Mal waren in einer Kirche 400 Juden erschienen, die dann eine Predigt über den 110. Psalm hörten. In Lodz waren sogar unter den 2000 Zuhörern in der Kirche der größere Theil Juden. In der Missionskapelle zu Warschau hielt Prediger Ellis 19 besondere Gottesdienste an Nachmittagen des Sonnabends, in denen er über Punkte, die zwischen Judenthum und Christenthum streitig sind, predigte. Ebenso hielt er Vorträge über die Auferstehung nach dem Alten Testamente und jüdischen Gelehrten; Besprechungen schlossen sich dem gewöhnlich an und gaben Anlaß, Manchem die christliche Wahrheit recht eindringlich zu machen. In dem neuen Geschlechte der polnischen Juden aber bricht mau auch immer sichtlicher mit dem Talmud und der alten Orthodoxie, sodaß man vielfach dem Missionar erklärte, vr. M. Canl's »Wahrer Israelit«, der sich gegen den Talmud richtet, sei nicht mehr zeitgemäß, da man an denselben gar nicht mehr glaube. In den kleineren Städten dagegen darf sich der neue Geist noch nicht recht yervorwagen; denn es herrscht dort unter den Aelteren viel Fanatismus, sodaß der Kolporteur Blumberg daselbst viel Feindseligkeit erfuhr, und die Traktate oft zerrissen wurden. Die unsicheren Zustände der Juden in Rußland haben in vielen Altorthodoxen den Glauben erweckt, daß der Messias nahe sei und daß man sich zur Auswanderung nach Jerusalem vorbereiten müsse, um ihn dort zu erwarten. Nicht wenige sind ja auch in das heilige Land übergefiedelt. Ihre ernsten Verhältnisse veranlassen aber doch auch so manchen unter den polnischen und ruffifdjcu Juden, über das Recht Christi ernster nachzudenken. Der Missionar hatte z. B. ein Gespräch mit zwei jüdischen Brüdern, von denen der eine nichts von Christo wisset! wollte. Der Andere aber entgeguete ihm: »Mein Bruder, ich will dir eine Geschichte in Räthseln erzählen. In Jerusalem