Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 7-8 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554884-2554889--07852-2563871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
128 fische Revolution weckte auch das jüdische Volk aus seinem langen Schlaf und brachte ihm als Morgengabe die staatliche Freiheit und die Gleichberechtigung mit den Völkern, unter denen es lebte. Aber theilnehmen konnte es an dem modernen Leben nur, wenn es das Netz des Talmud mit seinen tausend Maschen zerriß. Die deutschen Juden haben zuerst den großen Riß gemacht. Aber dieselbe Bewegung hat auch bereits besonders die Jugend im Osten ergriffen, und in absehbarer Zeit wird der Talmud auch für sie nur noch eine Antiquität sein. Die Verbreitung der Kultur über alle Welt besorgt das Geschäft der Abschaffung des Talmud bei allen Juden der Welt von selbst. Freilich die sittlichen Folgen der Lossagung vom Talmud sind ungeheuer; es würde eine völlige sittliche Haltlosigkeit und erschreckende Unsittlichkeit eintreten, wenn nicht die moderne Kultur ein kleines Kapital moralischer Elemente enthielte, und wenn nicht unter den Juden selbst eine Richtung hervorgetreten wäre, welche die Hast in der Lossagung vom Talmud mäßigte. Hauptvertreter der letzteren Richtung ist Rabbiner vr. Philippson. Aber diese Form des Judenthums ist keine dauerhafte und bleibende Gestaltung desselben. Sie ist ein Vertrag zwischen altem und neuem Judenthum, wird aber von keinem festen Prinzipe getragen und besitzt keinen tieferen, religiösen Gehalt in sich, sondern hält die Juden nur einstweilen als Rasse zusammen. Mit dem niedergerissenen Zaune des talmudischen Judenthums ist aber auch das innerste Prinzip, sein unitarisch-monotheistischer Glaubenssatz in die Krisis hineingezogeu worden. Die hervorragendsten Geister des Judenthums haben einen Gottesbegriff, nach dem Gott eine Eins ist, die in jedem Fall unpersönlich ist und von der nur noch gezweifelt werden kann, ob sie ein unbewußt denkendes Wesen oder eine bloß mechanisch wirkende Naturmacht ist. Und dann der Gottesdienst. Die Rabbiner hatten denselben aus die Synagoge und das Privathaus beschränkt; aber er bot mit seinen Gebeten und Psalmgesängen den Gemüthern doch Trost und Erhebung. Jetzt stehn die Synagogen selbst an Sabbathen fast leer, und nur die Festtage sehen eine geputzte Menge. Orgelspiel und Predigt vermochten den Mangel nicht zu decken. Die jüdische Jugend insbesondere entfremdet sich aller Religionöübung;