Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 7-8 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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120 die Religio» in ein engherziges Gesetzsystcm, verschärften den Gegensatz, vertieften die Kluft, erhöhten die Scheidewand zwischen Inden und Heiden und impften ihrem Volk einen unerträglichen religiösen Stolz und nationalen Hochmuth ein, die von jener wahrhaft sittlichen Idee der Auserwählung nur noch ein gehässiges und unsittliches Zerrbild übrig ließen. Dies ist die Zeit der Anfänge des Talmudischen JudcnthumS, das einen so völlig andern Geist athmet als das prophetische. Das Studium der Propheten trat weit zurück hinter dem Studium des Gesetzes, und damit verloren sich die echten Prophetenideen aus dem Geistesleben, und die Köpfe füllten sich immer mehr mit spitzfindigen Gesetzesauslegunge». Kurz, das damalige Judenthum zeigte sich darum unfähig, seine Mission unter den Völkern zu erfüllen, weil cs immer mehr in selbstsüchtige Ausschließlichkeit zusammenschrumpfte und sich aus einer Religion belebenden Heils in ein System geisttödtender Satzungen uiusetzte. Jetzt war aber auch die Zeit der Entscheidung gekommen, wo cs sich zeigen sollte, ob das jüdische Volk in seinem engen Fürsichlcben verharren und sich immer tiefer darin einspinnen wolle, oder ob es mit freiem Willen sich seiner alle umfassenden Aufgabe hinzugeben Willens sei. Diese Entscheidung führte Jesus Christus herbei. Ihn schied eine ganze Welt vom rabbinischen Geistes- und Lcbenselement. Er legte im Gesetz den Nachdruck auf das heiligende Moment und auf das Ideal sittlicher Vollkommenheit, hob aber nicht wie die Rabbiner hervor, welche und wieviele Satzungen man zu erfüllen habe, um dem Gesetz Genüge zu thu». Darum entspann sich auch sofort ein geistiger Kampf und ein Ringen auf Leben und Tod zwischen den Pharisäern und Schriftgelehrten einerseits und Jesu andrerseits. Seine Idee und die Mittel ihrer Ausführung ragten unendlich hoch über die auch der größten Schulhäupter jener Zeit empor. Wie kleinlich und beschränkt war doch beides, der Horizont und die Wirksamkeit der hochberühmten Schulhäupter Hillel und Schamai, die im selben Jahrhundert wie Jesus unter dem jüdischen Volk lehrten; für die Weltgeschichte sind sie,uiib ihre ganze Thätigkeit ohne allen Belang, weil ihre Ideen nicht den Kreis talmudischer Gcistessphären überschritten. Wie ganz anders Jesus von Nazareth!