Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 7-8 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Gottesdienstverehrung nicht ausüben, sondern mußten sich unter alle für die Israeliten geltenden Gesetze beugen. Einerlei Gesetz mußte der Fremde wie der Einheimische beobachten (2. Mose 12, 49). Die Sklaven aber mußten sogar beschnitten werden (2. Mose 12, 44); eine Bestimmung, die dann ungerecht wurde, als die Inden auch außerhalb ihres Landes und in christlichen Ländern dieselbe ausübten. War diese Sonderstellung Israels also seiner Zeit gerechtfertigt, so ist sie es doch nicht mehr, seitdem die alte religiössittliche Grundlage des alttestamentlichen Gottcsvolks für dasselbe fehlte, und ihr Partikularismus ist jetzt freilich nicht anderes als unsinniger Rassenstolz. Der Partikularismus sollte nach dem Alten Testamente und besonders nach den Propheten einem Universalismus, das Gottesreich, welches nur ein Volk in sich faßte, einem Gottesreiche, das alle in sich sammelte, weiche»; darum muß jetzt, wo diese Zeit angebrochen ist, die Sonderstellung der Juden in eine häßliche Carrikatur ausarten. Denn eine Vollendung der ganzen Menschheit war unter den Propheten vorausverkllndigt, welche sie ganz und gar im Dienste Jehovas vereinigen würde, und an jedem Orte der ganzen Erde sollte dann ein unblutiger Opferdienst für Jehovah geschehen (Mal. 1,11). Die Christum anerkennenden Juden aber haben die gesammte seitherige Weltgeschichte bestimmt. Ein allgemeines Gottesreich ist im Alten Testamente der Abschluß der Menschheitsgeschichte und dasselbe steht dann unter einem Könige, welcher die geistliche wie die weltliche Krone trägt; dieser König ist der Messias. Die Messiasidee aber war das höchste Ideal des Strebens der Könige und Obersten Israels in den guten Tagen des Aufschwunges und der Blüthe des nationalen Lebens; sie war jedoch auch der nie untergehende Stern des Trostes und der Hoffnung in den unglücklichsten Tagen jammervollster Erniedrigung und schrecklichsten Elends. Diese Ideen haben dem jüdischen Charakter eine unendliche Elasticität eingehaucht, seinem Geist auch in den Fesseln äußerer Bedrückung und innerer Talmudknechtschaft noch eine Freiheitsahnung gelassen und ihn im engsten Ghetto vor dumpfer Verzweiflung an der Zukunft bewahrt. Aber freilich muß man hinzufügen, daß die Juden diese Idee keineswegs in ihrer sittlichen Reinheit und universalen Hoheit erfaßten, sondern dieselbe in einen immer trüberen und engeren Partikularismus bannten und immer einseitiger, phantastischer und materieller auffaßten.