Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 7-8 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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107 auch wieder in Breslau erschieucu war, daß die Tochter regelmäßig um 8 Uhr Morgens bei mir den Unterricht erhielt. Auf der Straße gab er sich der Tochter, die ihn seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte, zu erkennen und begleitete sie nun auf Schritt und Tritt. Ihrer Forderung nachgebend war er mit ihr zu mir gekommen, und seitdem hatte sich alles so, wie es vorhin geschildert war, zugetragen. Im Hause ihrer Pcusionswirthin, wo man die erste Begegnung der Tochter und des Vaters mitangesehcn hatte, besprach ich jetzt aües Vorgefallene, und nun galt es wenigstens Gewalt von dem Mädchen fernhalten, so daß sie ihre Entscheidung nach eigener Wahl zu treffen int Stande wäre. Ich eilte also zur Polizei. Hier war der Vater schon gewesen und hatte Hilfe für sich in Anspruch genommen. Ihm war aber geantwortet worden, daß seine Tochter Freiheit habe, mit ihm zu gehn und hier zu bleiben; alles käme auf ihren Willen au, und der Vater habe nicht Macht, die Tochter wider ihren Willen mit sich zu nehmen. Mir wurde denn auch versprochen, daß man, sobald irgend welche Gewalt gegen das Mädchen versucht werden sollte, cinschreiten werde. Aus dem Rückwege zu dem Hause der Pensionswirthin und i» ihrer Begleitung begegnete ich dann meiner Schülerin, die von ihrem Vater und einem Oheim begleitet war; verweint und hochroth stand sie vor mir, sagte aber auch jetzt kein Wort. Die Ihrigen jedoch rissen sie schnell mit sich fort, um sie aus meiner Nähe zu bringen; und von da ab habe ich sie nicht wiedergesehen. Ich ging in ihre frühere Wohnung, um dort auf sie zu warten. Nach zwei Stunden erschienen der Vater, die Stiefmutter und ein Verwandter mit einem Zettel meiner Schülerin, in dem sie Abschied nahm und ihre Sachen erbat, zugleich aber erklärte, daß sie noch heute mit ihrem Vater nach Amerika gehe. Des Vaters Schwur, sich selbst das Leben zu nehmen, hat sie offenbar so erschreckt, daß sie die Kraft zum Widerstande nicht gefunden hat. Als der Vater aber die Sachen der Tochter in Empfang nahm, bezeugte ich ihm, daß er thun möge, was er wolle, seine Tochter würde doch Christin werden. Aber mit derselben Entschiedenheit entgegnctc der Alte: „Nur über meiner Leiche soll sie es werden!" Noch an demselben Tage fuhr der Vater mit der Tochter nach Amerika ab, er mußte ja eilen, um sich selbst und seine