Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 7-8 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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103 und so Vergeltung an ihr geübt — aber nicht dieser ihr Herzenswunsch einmal sei ihr erfüllt worden. Nun trat eine Ruhezeit ein; nur einmal während derselben besuchte eine jüdische Tante meine Schülerin in ihrer Wohnung, verhielt sich aber durchaus gemäßigt. Durch den Augenschein überzeugte sie sich, daß es ein verläumdcrischcs Gerücht war, welches die Jude» über das Mädchen ausgesprengt hatten, sie wohne in einem schlechten Hause, wo sie an ihrer Sittlichkeit Schaden nehmen würde — hatte man doch auch, um zum Ziele zu kommen, bei der Polizei dieselbe Beschuldigung erhoben — aber alles dies nur, um die Lüge als Lüge auch vor der Obrigkeit zu offenbaren. Am ersten Trinitatissonntage nun war meine Schülerin noch Nachmittags in der Kirche gewesen und hatte, wie sie es in ihrem Hause bezeugte, so Manches gerade für sich ans der Predigt mitgenommen; besonders fröhlich ging sie denn auch zu Bette. Am Montag Morgen ist sie um 8 Uhr noch nicht im Unterricht, während sie sich sonst immer auf die Minute zu demselben einfand. Es wird gegen 9 Uhr, da tritt sie mit einem älteren Manne, in Thränen aufgelöst, in mein Zimmer — dieser Mann ist ihr Vater aus Amerika. Soviele Jahre hatte sich derselbe nicht um seine Tochter bekümmert, sondern war für sie wie ein Todter gewesen. Bei der Nachricht aber, die ihm seine Frau, die Stiefmutter meiner Schülerin, zugesandt hatte, daß die Tochter Christin werden und einen Handwerksmeister heirathen wolle, erwachte sein ganzer Haß gegen das Christenthum. Der Mann lebt in Amerika in ziemlich geringen Verhältnissen, aber er setzte alles daran, um nur die Tochter,- an der er keine Vaterliebe bewiesen und für die er keine Vatersorge geübt hatte, nicht in Jesu Arme fallen zu lassen. Ich habe es nachträglich erfahren, daß dieser Mann überdem das Aeußerste mit der Reise gewagt hat, da eine Anklage gegen ihn schwebt, die zur unfehlbaren Verurtheilung führen müßte. Deshalb hat er sich denn auch unkenntlich zu machen gesucht, und hat, während er anfangs ohne Bart und in grauem Haupthaar erschien, hernach einen Bart angelegt und eine braune Perrücke aufgesetzt. Mit einem Male also stand nun dieser Mann vor mir,