Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 7-8 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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102 Plötzlich die Schwester ihrer Pensionswirthin bleichen Angesichts bei uns ein und erzählt, daß soeben die Stiefmutter meiner Schiilerin mit einem Onkel derselben in ihrer Wohnung erschienen sei und nach der Tochter in sehr erregter Weise gefragt habe. Die Mutter hatte, wie wir es nachträglich erfahren haben, sofort den Vater in Amerika von dem Vorhaben und der Abreise der Tochter benachrichtigt, unterdeß aber alles aufgeboten, ihren jetzigen Aufenthaltsort auszukundschaften. Das war ihr denn auch gelungen. Sehr barsch trat sie nun in der Wohnung, die ihre Tochter jetzt inne hatte, auf und frug nach derselben. Man erklärte ihr, daß sie ausgcgangcn sei, nannte ihr aber natürlich den Ort nicht, an dem sie sich soeben befand: mein Haus. Nun brauste die Frau auf, sprach allerlei Lügen über das Mädchen und ihren Bräutigam aus und stellte beide als ganz verworfene Leute dar. Die Versuche, jene Familie, in welcher die Tochter Aufnahme gefunden hatte, einzuschüchtern, gelangen jedoch nicht; und als der lärmenden, tobenden Frau energisch entgegengetreten wurde, zog dieselbe schließlich mit dem Oheim ab und drohte nur, daß sie bei der Polizei Hilfe suchen werde. Jndeß war ich von dem Vorgefalleuen benachrichtigt worden und erklärte darum meiner Schülerin, daß sie zunächst nicht nach Hause gehen solle, sondern in meinem Hause abwarten möge, was weiter geschehen würde. Die Stiefmutter hatte sich indeß an die Polizei gewandt und die Tochter als Diebin augeklagt. Infolge dessen erschien nun auch ein Polizist in der Wohnung des Mädchens und forderte Auskunft über dieselbe, zugleich aber, daß ihm alles gezeigt würde, was dieselbe besitze. Seinen Forderungen wurde bereitwilligst entsprochen; und nach Besichtigung der Sachen jenes Mädchens erklärte dann der Beamte ganz entrüstet, daß hier eine nichtswürdige Verläumdung vorliege, so daß die verklagende Stiefmutter sehr ernst zurückgcwiesen werden würde. Das ist denn auch geschehn; und da dieser Anschlag also nicht gelungen war, verließen die Stiefmutter und der Onkel voller Unwillens die Stadt. An ihrem eigenen Orte aber erklärte die Frau, daß sie nach dieser Abweisung nur einen Wunsch gehabt habe, die Tochter doch wenigstens zu sehn, um sich an ihr zu rächen; sie hätte dieselbe dann noch einmal furchtbar zerschlagen