Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 5-6 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2554541-2554884-2554888--07806-2563824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
83 an den Knaben erinnert, der das Meer mit einer Schale ausschöpfen wollte. Im Grunde genommen ist es auch kein Wunder, daß die Reform wenig Anklang bei den Juden findet. Denn sie kann, will sie anders ihre Grundsätze folgerichtig durchführen, nicht wie die lutherische Reformation das Fundament bestehen lassen, sondern sie müßte in dem Grade auflösend verfahren, daß vom eigentlichen Judenthum kaum noch das Skelett übrig bliebe. Und auch dann hätte sie zumeist nur aus Verneinungen bestehende Ziele erreicht; sie müßte erst das Skelett wieder mit Fleisch umkleiden »nd einen neuen Geist cinhauchen. Wo ist aber der Moses, der ihr einen neuen Quell der Offenbarung aus dem Felsen schlägt, welcher das bietet, was das Neue Testament und das Kirchenlied dem Christenthum? Die jüdische Reform erscheint mir daher als ein löbliches, aber vergebliches Bestreben, den Zerfall des Judenthums zu verhindern. Sie mag denselben vielleicht verzögern, neuen Lebenshauch wird sie ihm nicht einhauchen können. Im Grunde ist das Christenthum ein reformirtes Judenthum; nur daß die Reform, welche das Judenthum durch das Christenthum erfahren hat, nicht blos verneinender Art ist. Diejenigen Juden, welche nicht blos Nichtchristen sind und fälschlich als Reformjuden bezeichnet werden, sondern die den Bestrebungen der Reform aufrichtig zugethan sind, sollten sich darum dem Christenthum gern anschließen. Was sie davon abhält, sind besonders Mittelalterliche Erinnerungen. Aber daö evangelische Christenthum ist ganz anders geartet als das mittelalterliche, und die Reformation ist es gewesen, welche die Scheiterhaufen der Inquisition ausgelöscht, religiöse Duldung für sich und die Jude» erkämpft, die Pforten der GhettiS erbrochen und den Juden als gleichberechtigten Mitbürgern, die Arme geöffnet hat. Nachdem der Verfasser aber zu diesen Ergebnissen gekommen ist, läßt er als Schlußkapitel Die letzte Stunde eines Pilgers folgen. Wir theilen dasselbe vollständig mit: „Am blühenden Ufer des grünen Rheinstromes wandelte einsam ein hagerer Greis. Die weißen Haare stoffen ihm bis auf die Schultern herab. Sein Kleid, das einen fremden Schnitt 6