Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 5-6 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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82 den Balsam der Religion unter ästhetischen Formen in's Herz zu träufeln und den Seclenschmerz zu überwinden durch den Blick nach Oben. Für die Seele des Verstorbenen ist es Sitte unter den Juden, einen Abschnitt aus der Mischnah (dem ersten Theil des Talmud) zu lesen. Ein Beispiel genüge, um zu zeigen, was das bedeuten will. Der für das Verlesen des Abschnittes im Trauerhause gemiethete Lehrer las bei einem Bekannten unseres Verfassers: „Wenn ein Nichtisraelit einem Israeliten auf sein gesäuertes Brot Geld geliehen hat, so ist das Brot nach Ostern zur Nutznießung erlaubt. Wenn aber ein Israelit einem Nichtisraeliten auf sein gesäuertes Brot Geld geliehen hat, so ist das Brot nach Ostern auch zur Nutznießung verboten." Kein Wunder, daß jetzt ganz allgemein über die Gleichgültigkeit gegen die Religion unter den Juden geklagt wird. Das religiöse Gefühl der Israeliten der Gegenwart findet im Judenthum, besonders in den jüdischen Formen, keine Befriedigung mehr, sie stoßen ab. Das Christenthum aber kennt der Israelit zu wenig, um einzusehen, daß es bietet, was das Judenthum vermissen läßt. Man wirft sich einem ebenso widerlichen als verderblichen Nihilismus in die Arme und betheiligt sich am gottesdienstlichen Leben nur verdrossen, soweit es eben die Mode mit sich bringt. Und keine Hilfe ist im Reformjudenthum zu finden. Die Erfolge desselben auf dem Gebiete des Gottesdienstes und der Gebräuche sind überaus klägliche. Noch heute darf z. B. ein Rabbiner nicht öffentlich au christlicher Tafel speisen oder am Sabbath seinen Namen schreiben. Die jüdische Reform kämpft noch heute um die Vorwerke jener ungeheuren Festung des mosaisch-pharisäischen Ceremouialgesctzes, welche das Christenthum schon vor 1800 Jahren mit wenigen klassischen Sätzen erobert hat. Man denke z. B. an die Worte des Evangeliums: „Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht, sondern was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen. — Der Sabbath ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbaths willen." Wenn man aber den Ringkampf der Reform mit der sogenannten pharisäischen Ueberlicferung beobachtet und ihre geringen Siege in's Auge faßt, so wird mau