Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 5-6 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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84 hatte, schlotterte um feine welken Glieder. Nachdem er mehrmals sinnend und träumend auf- und abgegangen war, sichtlich mühsam, und unterstützt von seinem massiven Wanderstab, schleppte er seinen alten Leib zum nahen Walde und setzte sich nieder, um auszuruhen, das Antlitz gegen Westen gekehrt. Dasselbe zeigte scharf ausgeprägte Züge, ein edelgeschnittenes Profil, auf dem aber die Zeit und tiefer Gram ihre unschönen Spuren eingegraben hatten. Nun aber begann das Angesicht des Greises sich mit geisterhafter Blässe zu überziehen, als ob es der Hauch der Auflösung angeweht hätte. Aber das verglühende Abendroth am westlichen Horizont umspielte mit seinem rosigen Widerschein den sterbenden Wanderer und verklärte sein Haupt wie mit zauberischem Glanz. Und mit schwacher Stimme spricht der Greis: „Endlich, endlich! Der Abend ist da, und bald wird die schweigende Nacht mein müdes Haupt in ihrem weichen Schooßc betten und süßer Schlummer mich umfangen. Gott des Weltalls! Ich danke Dir! Sei gepriesen in alle Ewigkeit!" Er sprach's und lehnte sein Haupt rückwärts an den Stamm einer blätterreichen Linde. Seine Wimpern schlossen sich fest und fester. Schon war der sprühende Abendstern am Himmel hervorgetaucht und blickte herab auf die Wohlgeruch athmende Erde, wie das holdselige Auge einer staunenden Jungfrau. Und siehe da, eine hohe, lichtumflossene Gestalt im wallenden Gewände steht plötzlich vor dem Entschlafenden, das Haupt liebevoll über ihn herabneigend. Der Sterbende aber schlägt nochmals das Auge auf, und da er den Göttlichen erblickt, leuchtet ein Strahl unendlicher Seligkeit aus seinem verlöschenden Blick. „Jesus mein Heil!" flüstern noch seine matten Lippen. Es ist sein letztes Wort. Er hat vollendet." Das ist das Bekenntniß eines heute noch namenlos vor uns tretenden Juden. Möge seine Erkenntniß und sein Wahrheitsgefühl in ihm ein Feuer werden, welches in ihm brenne, bis er auch zu der That komme, ohne die alle Bekenntnisse nichts sind, und ohne welche sie denen nur zum Gerichte gereichen, die sie gethan haben. Möge aber auch jeder Jude, der dies lesen wird, den Stachel dieser Bekenntnisse eines seiner Brüder fühlen und möge er ihn