Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 5-6 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Erfassung der Gottheit in ihrem Wesen und Wirken erkennen müssen. Am allerwenigsten aber wird irgend Jemand geneigt sein, bei der Vergleichung zwischen dem jüdischen und christlichen Gottesdienst dem ersteren den Vorzug zu geben. Ist es doch im jüdischen Gottesdienst noch nicht einmal gelungen, die Landessprache als Gebetssprache einzuführen, obgleich das Verständniß des Hebräischen bei Alt und Jung, bei Maun und Weib ganz und gar fehlt, und die Gebete zu streichen, welche gegenwärtig in unserm Munde zur Unwahrheit geworden sind. Ganz anders der Gottesdienst wenigstens der evangelischen Christen, der bei großer Einfachheit und Ruhe überall das im Auge behält, die wahren Bedürfnisse des Menschenherzeus in allen Zeiten und an aller Welt Ende zu befriedigen, während die ganze Liturgie der Juden und selbst ihr Bekenntniß: „Höre, Israel" national israelitisch und nicht allgemein menschlich gehalten sind. Oder betrachte man ferner die Heilige Schrift im Judenthnm und im Christenthnm. Das Judenthum kennt nur das Alte Testament, das Christenthum Altes und Neues. Wer nun selbst diese beiden Theile der Bibel als Erzeugnisse des Menschengeistes betrachtet, wird einräumeu müssen, daß das Judenthum durch den Ausschluß des N. T. aus dem biblischen Kanon im großen Nachtheil ist; das Neue Testament ist das zweite Stockwerk und hat den religiösen Bau erst vollendet. Unser ganzes modernes Kulturleben aber ist von den goldenen Fäden dieser Literatur durchwoben, und das Christenthnm hat dafür gesorgt, daß dies geschah. Oder vergleicht man Jüdische und christliche Ruhe- und Festtage, so zeigt es sich, daß die ersteren fast alle eine national-israelitische Bedeutung haben, welcher wir wohl manche allgemein religiössittliche Seite abgewinnen, für die wir uns aber schlechterdings nicht mehr erwärmen können. Anders die christlichen Feste. Da sie sich alle an die Persönlichkeit Christi knüpfen, welcher den Mittelpunkt des ganzen religiösen Lebens bildet, der Träger des gesammten Religions-