Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 5-6 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Jude hat nicht nur einen eigenen Religionsapparat, der auf einer ganz anderen Grundlage als der aller christlichen Confessionen beruht, sondern er verehelicht sich auch nicht mit dem Christen, er feiert nicht seine Ruhe- und Festtage, er genießt nicht seine Speisen. Aus dieser Jsolirung entspringen aber sehr viele und sehr grelle sociale Mißverhältnisse, und diese bewirken wiederum einen Rückschlag auf Sitten und Gewohnheiten. So lange daher die Verschiedenheit der Religionen währt, wird die Judenfrage nicht sterben. Was hält also die Juden, unter denen eine große Zahl doch nicht mehr wie früher orthodox sind, vom Uebertritt zum Christenthum ab? Man sagt, daß das geläuterte Judenthum der Neuzeit eine reinere Religion als das Christenthum bilde. Vergleiche man daher einmal beide. Der Verfasser faßt also zunächst die Moral des Judenthums und des Christenthums in's Auge. Der Unbefangene nun, bekennt dieser Jude, wird nicht umhin können zuzugeben, daß das Christenthum die alttestamentliche Moral vertieft und verinnerlicht und von den Schranken des Nationalismus befreit hat. Der Nächste bedeutet im Gesetz lediglich den Volksgenossen, den Mitbürger, den Israeliten; die Seele des neutestamentlichen Schriftthums dagegen ist die Zugehörigkeit aller Menschen zu einander. Der Mosaismus ist eine Volksreligion, das Christenthum tritt als Weltreligion auf und hat sich als solche bewährt. Die wesentlichen sittlichen Ideen des Christenthums finden sich auch im Alten Testamente; aber hier ist es nur ein schwaches, flüchtiges Aufblitzen, dort sounenhaftes Licht. Im agadischen Theilc des Talmud hat sich dann die alttestamentliche Sittenlehre wohl einigermaßen vertieft, aber nicht in dem Grade wie im Neuen Testamente, und was die Form betrifft, so ist an einen Vergleich gar nicht zu denken. Sodann aber Jüdische und christliche Glaubenslehre. Dem Judenthum war die Lehre von der Gotteosohnschaft und der Dreieinigkeit stets höchst anstößig. Wer jedoch über das Wesen Gottes und sein Verhältniß zur Welt tiefer nachdenkt, der wird den christlichen Gottesbegriff als den Ausdruck einer tieferen