Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 3-4 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Uebcrschrift die hebräischen Worte Psalm 118, 20: „Das ist das Thor des Herrn, die Gerechten werde» dahineingchen". Als ich diese Worte laut las, verwunderte das den Synagogendiener, und er frug mich, ob ich sie auch verstünde? Das bejahte ich, übersetzte ihm den Vers, blieb darauf aber an der Thür stehn. Noch einmal bat mich jetzt der Mann einzutrcte», aber ich cntgcgnete ihm, daß ich nicht wüßte, ob ich hierzu wohl ein Recht hätte; denn die Ueberschrift laute: „Die Gerechten sollten hineingehn", aus mir selbst aber sei ich kein Gerechter. Das verwunderte nun den Alten höchlichst, und er frng mich, wie ich solches behaupten könnte? In meiner Antwort machte ich ihn jetzt darauf aufmerksam, was die Bibel unter einem Gerechten verstehe, und bekräftigte darauf noch einmal, daß ich in mir selbst eine solche Gerechtigkeit nicht besäße, aber freilich auch überzeugt sei, daß er ebensowenig in sich selber ei» Gerechter nach den Forderungen der Schrift sei, und eben deshalb weder ich noch er ein Recht hätten, in diese Synagoge einzutrete». Das alles war dem Mann überaus wunderbar, und er bat mich deshalb, ihm dennoch zu folgen, um ihm eine genauere Erklärung dessen zu geben, was ich soeben behauptet hätte. Zu diesem Zwecke erklärte ich ihm das Innere betreten zu wollen. Als ich ihm nun aber den erbetenen Aufschluß geben wollte, erschienen mit einem Male der Rabbi und verschiedene andere Juden. Verwundert erblickten dieselben den Synagogendiener in der Gemeinschaft der zwei Fremden und frugen jenen, was wir wollten? Da erzählte der Mann alles Vorgefallene, und daß wir ihm soeben hätten zeigen wollen, wie Niemand ein Gerechter sei, und wie doch Jedermann ein Gerechter werden könne. Das war jetzt dem Rabbi ebenso seltsam, und er wandte sich an uns mit der Frage, wer wir seien? Die Namen wurden ihm also genannt. „Und Sie wollen kein Gerechter sein?" redete mich darauf ein anderer Jude an. „In mir selbst nicht," lautete die Antwort, „denn ich habe die Gebote Gottes nicht gehalten, und derselbe verkündigt doch (die Worte wurde» hebräisch angeführt) seinen Fluch über alle, welche seine Gebote übertreten." „Aber diese 613 Gebote gehn Sie als Christen ja gar nichts au," cntgegncte der Rabbi, „für Sic sind nur die 7 Gebote Noahs da." „Die 613 Gebote", bestätigte ich, „sind nns allerdings nicht gegeben, wohl aber das