Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 3-4 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Ansichten über Moral einander geradeswegs gegenüberstehen, entwaffnet ihn. Da trat ein Polizeidiener in's Zimmer und forderte Flad und mich im Namen des Statthaltereirathes auf, im Laufe einer halben Stunde vor demselben zu erscheinen; grüßend entfernte er sich hierauf. Die Zeit bis dahin wurde nun noch eiligst ausgekaust, und als wir aufbrechen mußten, dankte der junge Mann uns herzlich. „Ich habe in dieser Unterhaltung jedesfalls viel gelernt!" waren seine letzten Worte, und gern nahm er nun die Schrift: „Christi Lehre und Einfluß" mit. 17.' Wölfe int Schafstall. Die Judenschaft der Stadt war in außerordentlicher Erregung. In den Kaffeehäusern und in allen öffentlichen Versammlungsorten wurde von nichts anderem als den beiden Missionaren gesprochen, und unsere Schriften eilten von Hand zu Hand; Einer nahm sie geradezu dem Andern weg, und der Inhalt unserer Gespräche wie der von uns ausgegebenen Schriften war der Gegenstand öffentlicher Verhandlungen. Der Rabbi hatte das erfahren, er bangte für seine Heerde, Wölfe waren ihm zu plötzlich in dieselbe gefallen. Flad hatte ihn Tags zuvor auf der Straße mit einem Polizisten sehr erregt sprechen sehn, und hernach haben es uns Juden selbst gesagt, der Mann habe kein anderes Mittel gegen uns gewußt, als die Obrigkeit gegen uns aufzubieten. Begegnete man uns doch aus der Judenschaft heraus ganz überwiegend mit einer Höflichkeit, die dem Rabbi fast wie der Anfang eines Verraths aussah, und wallfahrtete man doch förmlich zu uns, so daß wir nur die eine Sorge hatten, wie all' den Fragern Antwort stehn! Ja, hier blieb nichts anderes als die Gewalt übrig. 18. Bor der Polizei. Nach der halben Stunde, die uns noch gelassen worden war, standen wir vor dem Statthaltereirath, recht neugierig, wie wohl die Anklage gegen uns lauten würde. Der Beamte empfing uns ernst: „Sie sind der Aufreizung gegen die Juden angeklagt und find beschuldigt, Schriften verbreitet zu haben, welche die christliche Bevölkerung gegen die Juden aufwiegeln sollen. Die mir als Beweis hierfür vorgelegten Schriften: „Wer ist ein Jude?" und „Wer ist ein Apostat?" habe ich zwar nicht prüfe» können, zunächst