Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1882-01-01 · 3-4 (1882) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
38 (1882)
Issue
3-4 (1882)
Date
1882-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2554884-2554887--07764-2563781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

42 erntet. Frau und Kinder hatte er vergeblich zu überreden gesucht, daß sie mit ihm Christen würden. Mit ihnen weiter zu leben, hatte sich dann als Unmöglichkeit erwiesen; aber der Gedanke, durch den Uebcrtritt von ihnen völlig geschieden zu werden, war für ihn doch ein so schwerer geworden, daß er nun wohl schon 20 Jahre in dem Zustande des Nichtjude- und Nichtchristscins verblieben ist. Einsam lebt er denn für sich dahin und führt ein innnerlich wie äußerlich ruheloses Dasein. Aber er tröstet sich damit, daß er ja alles wisse, und das reiche doch hin, wenn „die Umstände die Taufe zur Unmöglichkeit machten". Ich redete dem Manne recht in's Gewissen und sagte ihm, daß all sein Wissen ihm nichts helfe, sondern der HErr fordere, daß man sich zu ihm offen bekenne; werde er das nicht thun, so werde ihn derselbe auch verleugnen. „Ich weiß das alles", lautete seine Antwort, und eben dasselbe setzte er jeder Mahnung wie jeder Belehrung entgegen. Daß wir aber sein Wissen ihm nicht anrechnen und dies schließlich nur als eine Anklage wider ihn gelten lassen wollten, verwandelte seine Stimmung, die uns anfangs freundlich gewesen war, und sein zuerst geäußerter Vorsatz, uns zn besuchen, blieb denn auch unerfüllt. 6. Woher diese Religionslosigkeit? Auf der Straße und vor den Läden einer andern Stadt hatten wir Gespräche mit Juden angcknüpft. Ein noch halbwegs Orthodoxer klagte über den Unglauben, der in ihrer großen Gemeinde herrsche. Bei einem der neulichen Feste, die in seiner Jugend noch von der ganzen Gemeinde gefeiert wurden, habe man nicht Mugan (d. h. die Zahl von zehn Männern, welche zur Feier jedes jüdischen Gottesdienstes nöthig sind) zusammenbringen können, und sei daher gezwungen gewesen, sechs derselben für Geld zu miethen! Freilich in der Gemeinde sei man sehr stolz auf die neuen Errungenschaften: der Rabbi ist ein modern gebildeter Mann, der Gottesdienst geschieht nach neuestem Gebrauche, selbst am Versöhnungstage ist die Orgel gespielt worden, aber der Unglaube nimmt bei dem allen reißend zu. So offen redete der Alte zu mir; er hatte mich hebräische Psalmworte anführcn hören und hatte mich dann geradeswegs einer Prüfung im Hebräischen unterzogen, die nun jedoch auch sein Vertrauen zu der Person des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.