Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 1-2 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Die Thatsache, daß andere Leute Dinge glaubten, die wir nicht als richtig ansähen, stellte ich jedoch auch dieser Behauptung gegenüber fest. Die Weisen des Talmud seien gewiß gescheute Leute gewesen, und noch die unmittelbaren Väter der heutigen Juden hätten ihren Glauben getheilt, aber die Söhne sich von diesem Glauben losgesagt. In allen diesen Fällen kann also nicht von Heuchelei die Rede sein, sondern nur von verschiedenem Glauben. Das wurde jetzt zugestanden. „Nun wir sind doch aber wenigstens im Glauben an Gott eins." „O nein," riesen da mehrere Stimmen, „das hat uns gestern dieser Herr nachgewiesen/' „Und auch in dem sind wir nicht eins," fügte ich hinzu, „daß Sie in der Synagoge keine völlig sichere Glanbensgewißheit haben, wir aber durch Christum dieselbe allerdings besitzen und darin schon hier auch wahrhaftige Seligkeit." „Ja wohl," erklärte jetzt Freund Flad, „sehen Sie, diese Hand hat vier Jahre die Ketten der Gefangenschaft getragen und das allein für die Predigt des Evangeliunls an die Abessinier. Glauben Sie wohl, daß man so etwas thut, trenn man nicht weiß, wofür es geschieht?" „Ja, hören Sie nur, meine Herren," schloß ich hier an, „dieses Zeugniß, das Ihnen die Thaten meines Freundes viel besser als meine Worte bringen! und erkennen Sie daraus: Jesus ist es auch werth, daß man für ihn leidet. Sie wissen ja alle, was eine Mutter für ihr Kind opfert. Sie läßt sich die Ruhe von ihm rauben und wird es doch nicht müde, dasselbe zu pflegen, denn ihr Kind ist ihr das werth. Und nun sehen Sie, soviel und mehr, als einer Mutter ihr Kind, ist uns Jesus werth; denn ihm danken wir alles, ihm wahre Seligkeit, da können wir für ihn auch, wenn es seil! muß, das Leben verlieren." Alle waren still. Der junge Philosoph aber ergriff das Wort: „Ich habe sonst immer den Christenglauben nur so trocken vertheidigen hören und nicht geglaubt, daß die christliche Religion so ideal dargestellt und vertheidigt werden könne; in der That, das ist mir neu!" „Aber, so sehen Sie," eutgegnete ich, „daß Christenthuin nichts Trockenes ist, sondern daß es Herz, Gemüth und Geist des Menschen befriedigt, wie nichts anderes in der Welt." Aber auch der andere Anfangöredner war offenbar beschämt; denn er fühlte sich noch einmal gedrungen, auf seine erste Erklärung zurückzukommen und zu versichern, seine Meinung wäre nur ge-