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Dibre Emeth · 1882-01-01 · 1-2 (1882) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
38 (1882)
Issue
1-2 (1882)
Date
1882-01-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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23 Bibel. Weit tiefer als ein Sokrates, Plato, Demosthenes, Cicero, Göthe, Shakespeare und sämmtliche Gelehrte, Weltwcise, Dichter und Redner haben jene Männer durch ihre Schriften die Welt bestimmt, und doch waren es Leute ans den einfachsten Verhältnissen und Volksklassen. Unsere gesammte heutige Bildung und Kultur hat sich an diesen Schriften genährt, und noch immer empfängt die Menschheit aus ihnen die Anregung zu jenen Bewegungen, welcke sie auf der Bahn ihrer Entwickelung weiter führen; während andererseits gerade diese Schriften uns ermuntern, alles, was die Menschen je geleistet haben, als das Unsere zu betrachten, und daher z. B. auch die Schätze des alten Griechen- und Römcrthums für uns zu verwerthen. Woher diese merkwürdige Erscheinung? Der junge Mann versuchte eine Erklärung, aber fühlte sich selbst dabei sehr unsicher. Da wies ich ihn den rechten Weg. „Sehen Sie, hier hat nicht menschliche, sondern göttliche Weisheit, hier hat die Wahrheit selbst geredet, und das ist es, was jene Schriften fort und fort im Mittelpunkt des Lebens erhält." „Wie kommt es denn aber, daß trotzdem noch heute unter den christlichen Völkern soviel Feindschaft gegen die Juden, von denen sie diese Schriften empfangen haben, zu Tage tritt? mußte sie das nicht veranlassen, mit uns Hand in Hand zu gehen?" eutgegnetc der Jude. Darauf bekannte ich ihm, daß ich beides herzlich bedauerte, unter den Christen so viele die Bibel verlassen und viele andere eine falsche Stellung den Juden gegenüber einuehmen zu sehn. Aber schlimmer stünde es allerdings noch unter de» Jude»; denn hier wolle man selbst unter denen, die das A. T. noch nicht verwürfen, dasselbe doch nicht verstehn. So fehle es aber durchaus an dem einenden Geist zwischen Juden und Christen; wie sollten also beide mit einander ein Volk bilden und ein wirklich gemeinsames Nationallebe» führen können? Ohne Gemeinschaft im Geist, das hat jüngst Ihr eigener Professor Cohen in Marburg selbst anerkannt, ist es für Menschen nicht möglich, znsanlmcn ein Volk zu bilden, und nur darin hat er sich getäuscht, daß er Christenthuin und Judenthum, von denen das eine den dreicinigen Gott lehrt, das andere denselben heftig bestreitet, als wesentlich eins ansah."

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