Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 38 (1882)
- Issue
- 1-2 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554884-2554886--07737-2563753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 hat das Jndentyum davon nichts gewußt, sondern nur den einen Gott gekannt/' Da wurde ihm denn gezeigt, wie bereits das erste Kapitel des ersten Buches Moses zwischen Gott und bem Geiste Gottes unterscheidet, und mein jüdischer Freund wußte nun nicht weiter. Er stellte aber jetzt die Behauptung auf, Moses und Jesus seien Reformatoren gewesen, die aus Klugheit Manches in ihre Religion gemischt hätten, was für ihre Zeit derselben Eingang verschaffte; heute hingegen Hütten die Juden die Aufgabe, aus beiden Religionen das Ungehörige auszuscheideu und der Welt dann die gereinigte Religion des MoseS und Jesus zu bringen. Ich zwang ihn aber, zu bekennen, daß diese seine Ansicht eben seine private Anschauung sei, das Alte Testament dagegen nicht für ihn, sondern für die christliche Auffassung spreche. Danach jedoch sollte er and) sagen, was er denn unter gereinigtem Judenthum verstünde? Er nannte den Glauben an einen Gott ohne besondere Ceremonien. Würden die Regierungen diese Religion unterstützen, dann würde bald die ganze Welt dem gereinigten Judenthum zufallen. Darauf konnte ich ihm nur sagen, daß sein Wunsch nach Regierungsunterstützung für einen derartigen Glauben längst erfüllt worden wäre. Der Arianismus habe Jahrhunderte lang in einer ganzen Reihe von Völkern eben diese Unterstützung im höchsten Maße genossen, aber er sei doch erlegen; denn er habe sich eben nicht auf die innere Kraft der Wahrheit stützen können. Vor wenigen Jahrzehnten habe die preußische Regierung diesen sogenannten gereinigten Glaubell auf's Energischste unterstützt und die Zeugen des eigentlichen Christenglaubens bitter genug verfolgt, aber der Vernunftglaube ist trotzdem alsdann vom alten Christenglauben geschlagen worden. In Amerika hätten die Unitarier und andere Anhänger jenes von meinem Bekannten so hoch gepriesenell Glaubens, hätten insbesondere die Juden auch vollste Freiheit für die Ausbreitung ihrer gereinigten Religion, aber ihr geistiger Einfluß erweise sich als ein stets geringer werdender. „Was geht hieraus hervor? Wo jener sogenannte gereinigte Glaube mit weltlichen Waffen kämpft, unterliegt er ebensogut wie da, wo er es mit geistigen Waffen versucht — beide Male zeigt er sich gleich ohnmächtig. Der Moses und Christus des Alten und Neuen Testaments dagegen schlagen in unfern Gewissen ihre Herrschaft auf. Hören Sie also, mein