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Dibre Emeth · 1881-01-01 · 5-6 (1881) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
37 (1881)
Issue
5-6 (1881)
Date
1881-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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72 Juden diese ihre armen Glaubensgenossen an, die aus Wilna waren! Der Trost der helfenden Liebesthat mußte den Juden durch Christen Hände werden. Zwar das Kind starb nach Gottes Willen, aber doch in seinen letzten Stunden durch Labsale erquickt und auf ein reinliches Lager gebettet. Die Eltern aber kehrten wohl mit zerbrochenen und zerschlagenen Herzen nach Wilna zurück, aber doch auch mit Dankbarkeit der erfahrenen Liebe gedenkend und die Worte sicher bewahrend, die zu ihnen von der Liebe des Heilandes gesagt waren. Diese Gewißheit ließ mir ihr Abschied zurück. Wenn ich mir gestattete, das Elend und die Noth der beiden jüdischen Familien, von welchen ich geredet habe, etwas ausführlicher zu schildern, so geschah es, weil dieselbe nur ein Abbild der Armuth und des elenden Lebens überhaupt ist, in welches ein großer Theil der polnischen Juden versunken ist. Dasselbe Elend ist in allen Orten in Polen zu finden, wo sich die Jndenschaft in größerer Anzahl findet. Wir sind gewohnt, uns die Juden meist als recht wohlhabend vorzustellcn, und in der That befindet sich bei uns ja die Mehrzahl der jüdischen Mitbürger in sorgenfreier, verhältnißmäßig guter Lage. Das ist aber durchaus nicht der Fall in Polen, wo sie vielmehr großentheils ein recht dürftiges Dasein fristen. Damit hängt denn dort auch die uns ungewohnte Erscheinung zusammen, daß die Juden sich durchaus nicht in der freigebigen und humanen Weise gegenseitig unterstützen, wie bei uns, wo immer nur vereinzelte unter ihnen die Mildthätigkeit ihrer Glaubensgenossen in Anspruch nehmen. Die Vorstellung, als ob der Jude als solcher eine offenere Hand gegen seine Glaubensgenossen habe, als der Christ gegen die seinigen, wie sie vielfach gehegt und von gewissen Seiten geflissentlich gepflegt wird, ist durchaus falsch und unberechtigt; vielmehr ist unzweifelhaft das Christenthum, wie es ja auch in seinem Wesen liegt, in Beweisen der helfenden Liebe auf allen Gebieten des menschlichen Lebens dem Judcnthum weit überlegen. Auch diese Thatsache erleichtert dem Missionar den Zugang zu den Inden in Polen. Viele unter ihnen wissen sehr wohl, daß die Mission, wenn sie auch nicht Gold und Silber, sondern nur das Evangelium bietet, doch auch ein Herz für die Armuth und die Noth der Inden hat, und auf alle Weise die Existenz derer, mit welchen sic eö zu thuu hat, zu sichern sucht.

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