Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 37 (1881)
- Issue
- 5-6 (1881)
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 bracht, und das dritte Kind liege nun auch todtkrank an derselben furchtbaren Krankheit. Und in der That, der Anblick, welcher sich mir bot, als ich sofort zu den Unglücklichen eilte, überstieg alles bisher von mir gesehene Elend. Auf einem schmutzigen Hofe einer Vorstadt Warschau's war die Wohnung, eine kleine Stube, in welcher zwei Familien ihr elendes Dasein fristeten, und in welche ich mit ziemlichem Grauen eintrat; denn nicht blos eine verpestete Luft wehte mir entgegen, sondern man war auch bei jedem Schritt in Gefahr, auf dem schmutzigen Fußboden, dessen Aussehen jeder Beschreibung spottete, auszugleiten. Zuerst fiel mein Blick auf einen Mann, der, die Schnapsflasche in der Hand, auf seinem dürftigen Bette lag und auf dem besten Wege war, den Sabbath — es war nämlich Sonnabend — nach Sitte vieler polnischer Chasidim mit sinnloser Betrunkenheit zu feiern, ein Mann, welcher, wie man mir mittheilte, an der furchtbaren Krankheit der Epilepsie litt. Neben seinem Bette stand eine Wiege, in welcher ein hübsches Judenkind lag, das von einer älteren Schwester gewiegt wurde, deren große, schöne, schwarze Augen aus einem abgemagerten Gesichtchen so traurig und trüb blickten, wie ich cs bei Kindcraugen nicht für möglich gehalten hätte. Die Mutter, im Sabbath-Staat am Ofen stehend, vervollständigte die eine Familie, welche die eine Seite des kleinen Stübchens bewohnte, auf dessen anderer Seite die unglückliche Familie, die ich suchte, ihr Lager aufgeschlagen hatte. Freilich war es nur eine schmale, kurze Bettstelle, die dort stand und ein auf Stroh liegendes, in Lumpen gehülltes Kind barg, vor welchem ein noch ziemlich junges Weib kniete, welches kaum so viel auf dem Leib hatte, daß seine Blöße bedeckt ward. Ihre Lagerstätte des Nachts war der beschriebene Fußboden, es war ja alle Habe in der Noth zum Trödler gewandert. Ja, es war ein Anblick, den man nicht wieder vergessen kann, welchen dies sterbende Kind in seinen Schmerzen und seine Mutter vor ihm darboten! Man muß solchem Elend gegenüber gestanden haben, um zu begreifen, daß Worte in solchen Verhältnissen keine, gar keine Kraft des Trostes haben, sondern nur allein die helfende That, der Beweis des durch das Herz gehenden Mitleids mit dem herzzerreißenden Jammer. Aber solcher Trost, solche Hilfe war den Aermsten bisher versagt gewesen. Was gingen die Warschauer