Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 37 (1881)
- Issue
- 5-6 (1881)
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 religiösen Gegenstand zu beginnen. Der geringste Anlaß führt oft zu einem stundenlangen, derartigen Gespräch. Nicht einmal sondern vielmals war ein auf dem Tische liegender Traktat, welcher für die polnischen Juden im jüdisch-deutschen Jargon, aber mit hebräischen Lettern gedruckt war, für den zu irgend einer Arbeit herbeigerusenen jüdischen Arbeiter oder einen in's Zimmer getretenen Handelsjuden die Veranlassung, selbst ein Gespräch darüber zu beginnen und es stundenlang sortzusetzen. Wie eifrig diese Juden solche Unterhaltungen suchen, zeigt am besten die Mittheilung, daß ein armer jüdischer Uhrmacher mit Frau und drei Kindern von Wilna nach Warschau übersiedelte, weil er gehört hatte, daß Missionare der englischen Gesellschaft dorthin gekommen seien, und er deren Botschaft zu vernehmen begehrte. Dieser Mann ist mir aus meiner zwar nur 1 ^jährigen, aber doch erfahrungsreichen Missionsthätigkeit in Polen die wehmüthigste Erinnerung geblieben, und kann ich es nicht lassen, das Schicksal desselben hier einzuschalten, umsomehr, da es zugleich einen tiefen Blick in die unglaubliche Armuth eines großen Theits der polnischen Juden thun läßt und zeigt, wie unberechtigt das den Juden als solchen so oft und reichlich gespendete Lob der im besonderen Maaße ausgeübten gegenseitigen Hilfe oder sogar der allgemeinen Nächstenliebe ist. Dieser jüdische Uhrmacher besuchte mich nämlich in den ersten Wochen nach seiner Uebersiedelung sehr fleißig und brachte manche Stunde bei mir unter Gesprächen zu, welche nicht blos von seiner genauen Kenntniß des A. Test., sondern auch von einem offenen Verstände und großem Interesse für alles Religiöse, auch für das N. Test., Zeugniß ablegten. Da blieb er plötzlich fort und kam nicht wieder. Es that mir zwar weh, daß er, wie ich meinte, sich wieder von der Mission abgewandt hatte; doch diese Erfahrung machen alle Missionare sehr oft, und so fand ich mich in das Unvermeidliche. Nach etwa sechs Wochen aber, als ich seiner fast schon wieder vergessen hatte, benachrichtigte mich ein anderer Jude, der mich öfters besuchte und sich besonders durch eine vorzügliche Kenntniß des N. Test, auszeichnete, daß der jüdische Uhrmacher in daS furchtbarste Elend gerathen sei. Von seinen drei Kindern seien zwei an der Diphtcritis gestorben, die arbeitslosen Trauerwochen hätten die Leute in die größte Roth und Entbehrung ge-