Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 36 (1880)
- Issue
- 7-8 (1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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111 ich an die christliche Religion, wenngleich nur vorübergehend, erinnert wurde. So entdeckte ich eines Morgens ein Neues Testament verstaubt auf dem Schranke liegend, hatte es aber kaum eröffnet, als es meinen Händen entrissen und mir das Lesen desselben strenge untersagt wurde; die wenigen flüchtig gelesenen Worte waren zwar bald wieder vergessen, nicht aber das geheimnißvolle Buch selbst, nach welchem es mich von da an immer verlangte. Indessen gab es, etwa um dieselbe Zeit, noch eine andere Gelegenheit, welche meine Aufmerksamkeit bleibender, wenn auch nur auf einen einzigen Theil des Neuen Testamentes lenkte. I» einiger Entfernung von der Stadt wohnte ein reicher Graf; dieser träumte drei Nächte hintereinander, daß er sein Schloß in der Stadt an Marcus, einen achtbaren Kaufmann und Vorsteher der Synagoge, übergeben hätte. Am dritten Morgen kam er selbst nach der Stadt, um dem Genannten jenes Schloß zu übergeben lind diese Schenkung unter drei Bedingungen gerichtlich bestätigen zu lassen: 1. Das schöne Schloß (am Motala-Fluß gelegen) verbleibt auf ewige Zeiten Eigenthum des Nächstbcrechtigten in der Marcus'schen Familie; 2. es muß daselbst stets eine Synagoge unterhalten werden, und 3. die beiden Tafeln oder Platten von Messing in einem der Staatszimmer dürfen nicht entfernt werden, sondern müssen daselbst unverändert befestigt bleiben. Nur mit diesen Tafeln, welche eine halbe Wand des Zimmers einnahmen, habe ich es hier zu thun; sie reichten von der Decke bis fast zur Diele, und es waren in die eine die zehn Gebote, in die andere das Vaterunser in gothischer Schrift eingegraben. Da ich mit den jüngeren Söhnen jenes Kaufmanns Marcus befreundet war, hatte ich oft Gelegenheit, mich in dem Schlosse und den dasselbe umgebenden Anlagen zu belustigen; so oft ich aber jenes fremdartige Gemach betrat, wurde ich stets von den beiden Metallplatten angezogen. Die zehn Gebote waren mir natürlich bekannt, was hatte es aber für eine Bewandtniß mit der anderen Tafel? Wer hatte dies Gebet verfaßt? Zn welchem Zwecke war es hier angebracht? Diese und ähnliche Gedanken durchkreuzten mein Gemüth jedesmal, wenn ich die geheimnißvollc Inschrift sah und las. Nachdem ich den ersten Unterricht theils von meinem Vater, theils in einer Privatschule erhalten, ward ich im 10. Jahre in