Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 36 (1880)
- Issue
- 5-6 (1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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94 und Aberglauben, oder zum Spott, Leichtsinn und Irreligiosität führen." Wir haben mit Fleiß ein solches Zeugniß aus der Mitte der Judenschaft beigebracht; denn wir wünschten, daß die Juden, welche diese Zeilen lesen werden, dadurch sich doch einmal zu etwas ernsterem Nachdenken über den inneren Werth ihrer Religion veranlaßt sehen möchten. Moses Hirschel, der so urtheilte, war ja fern davon, sich zum Christenthum zu wenden; er meinte mit den aufgeklärten Christen seiner Tage, durch die bloße menschliche Vernunft sich auch die wahre Religion selbst schaffen zu können, und hat, nach jener Schrift zu urtheilen, dieselbe Stellung, nur eben etwas konsequenter, in der Religion eingenommen, welche auch Mendelsohn und sein Anhang im Allgemeinen innehielten. Aber er hatte wenigstens ein lebhaftes Gefühl für Vieles, was die Religion entehrte, und hatte von dem Philosophen Kant gelernt, es mit den sittlichen Forderungen und dem sittlichen Gesetze auf jedem, vor Allem deshalb auf dem Gebiete der Religion ernst zu nehmen. Heilig und göttlich wahr, das wußte er, könne in der Religion nicht sein, was sonst nicht heilig und sonst nicht moralisch zu rechtfertigen wäre. Legte er aber an das pharisäische oder talmudische Judenthum auch nur seinen sittlichen Maßstab, den der ernsten Philosophie Kant's, so bestand jenes nicht einmal in solcher Probe. Wie sollte es also vor dem Richterstuhle des Gottes bestehen, der im Alten und Neuen Testament von dem Menschen nicht weniger als Sündlosigkeit und tadellose Vollkommenheit verlangt! Die Wahrheit hat gar verschiedene Zeugen; und es macht einen doppelten Eindruck, wenn sie auch durch solche ihre Bestätigug erfährt, die es nicht einmal wissen, was die ewige Wahrheit durch ihre Offenbarung längst verkündigt hat. So wird Jeder, der im Neuen Testamente ein wenig heimisch ist, mit Staunen in den oben genannten Ausführungen von M. Hirschel gar manche der Behauptungen und Anklagen wiedererkannt haheu, die er den Mund des Heilandes und seiner Apostel gegen das jüdische Geschlecht ihrer Tage hat aussprechen hören. Oder wird von ihnen nicht ebenso gegen eine Religiosität und Frömmigkeit gekämpft, die vor Allem in einem möglichst guten Gedächtniß, in spitzfindigen und thörichten Gesetzesauslegungen, im Mückenseihen und Kameeleverschluckcn, in der Erfüllung unzähliger äußerer Satzungen, Gebräuche und Ge-