Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 36 (1880)
- Issue
- 1-2 (1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Doch was ist nun hiernach Judenthum? Kein Mensch vermag hierauf eine Antwort zu geben, die den Anspruch auf Giltigkeit erheben könnte? Es giebt kein Bekenntniß der Synagoge, welches der Jude zu glauben verpflichtet wäre. Es giebt daher auch nicht einen positiven Satz und nicht ein Dogma, die der Jude in jedem Falle festzuhalten hätte, um noch Jude zu sein. Er kann Jedem, der ihm über das Fallenlassen eines Glaubenssatzes, derselbe möge lauten wie er wolle, Vorstellungen macht, antworten, daß seine Ueberzeugung, Meinung und Auffassung genau so viel Recht als die des Anderen habe. Thatsächlich nehmen nicht wenige Juden denn auch für sich das Recht in Anspruch, selbst die Frage über die Persönlichkeit Gottes als eine offene zu behandeln und die Beschneidung abzuweisen, trotzdem aber als Angehörige des Judenthums anerkannt werden zu müssen. Nur über einen Punkt herrscht ziemliche Uebereinstimmung, nämlich darüber, daß, wer als Bekenner des Judenthums gelten wolle, ein Mitglied des jüdischen Stammes bleiben müsse. Die Ratze und das Geschlecht allein werden in der Frage über die Zugehörigkeit zum Judenthume als entscheidend betrachtet. Und dies geschieht mit so gutem Bedacht, daß der Landrabbiner von Cassel, 1)r. Adler, auf die alten jüdischen Weisen der talmudischen Zeit sich berufend, den streitenden Parteien der Juden zurufen kann: Selbst wenn Israel dem Götzendienst fröhnen, aber in Friede leben würde, laß sie in Ruhe! Das Judenthum sieht den Seinen auch den Götzendienst, auf den die Religion des Alten Testamentes den Tod setzte, nach, falls sie unter dieser Bedingung friedlich neben einander wohnen wollen. Alan hat sich die Last des alttestamentlichen Gesetzes abgeladen, man hat sich auch die unerträgliche Bürde des Talmud in den Culturländern ganz oder jedesfalls soweit abgewälzt, daß sie nicht mehr drücken kann, man hat sich Hierselbst die Religion unsäglich leicht und bequem gemacht, aber man hat nicht das Geringste an der Forderung abgemindert, daß Gott und Menschen die Juden als die echte, wahre, heilige Gottesgemeinde anerkennen und ehren sollen. So weit hat sich „das Judenthum" von der Religion des Moses und der Propheten entfernt; und wieder stellt sich als Resultat heraus, daß die Entwickelung, welche die Juden seit der