Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 36 (1880)
- Issue
- 1-2 (1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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15 rabbinische Art möglichst erhalten wollen, während auch sie die volle Betheiligung an dem öffentlichen Leben ihrer Umgebung, am Staate, am Unterricht, an den Wissenschaften u. s. w. der Völker fordern. »Der Grundsatz der vollen Theilnahme an diesem Leben, welches die talmudischen Juden der früheren Zeit als ein nnheiliges flohen, ist der so völlig maßgebende geworden, daß hier überall die Rücksicht gegen die Bestimmungen und Anschauungen des Talmud geopfert wird. Das nach talmudischer Auffassung durchaus unheilige Gebiet des Völkerlebens wird nun gerade grundsätzlich auf's Allseitigste in Anspruch genommen; und mit Recht weisen daher die fortgeschrittenen Juden die Forderungen der Neuorthodoxen zurück, die ganz willkührlich ihnen Schranken ziehen wollen, während sie selbst die alten Schranken uiedergerissen haben. Eben jene falsche Stellung der neujüdischen Orthodoxie zum alten talmudischen Judenthum und die Aufopferung desselben durch die moderne Reform hat aber große Schaaren von Juden, welche an dem Grundsätze fcsthalten, daß Israel sich äußerlich und geistig mit seiner Umgebung nicht vermischen dürfe, sondern ihr als die heilige Gottesgemeinde gegenüberstehen müsse, dazu getrieben, den Talmudismus und die Religion der Rabbinen noch zu überbieten. Dies geschieht auf Seite der Chasidim, welche unter den Juden Rußlands, Oesterreichs und des ganzen Ostens einen noch immer wachsenden Anhang gewinnen. Eben dieselben sind der lauteste Protest gegen das gesammte moderne Judenthum, gegen das orthodoxe sowohl als das fortschrittliche, und sie erheben im Namen der ganzen Vergangenheit der Synagoge gegen die Neugestaltung des Judenthums ihren Widerspruch. Sie selbst aber hat die Erfahrung, daß der Willkühr der Einzelnen in der Mitte der Judenschaft der weiteste Raum gelassen ist, dahin geführt, eine beständig wirksame und immerfort lebendige Offenbarung Gottes, welche den Anspruch auf Unfehlbarkeit erheben kann, aufzustellen. Vermittelt wird dieselbe den Chasidim durch bestimmte Rabbinen, denen Jedermann unbedingten Gehorsam schuldig ist; ihnen sich zu widersetzen gilt als eine Todsünde; alles nichtchasidische Judenthum wird in diesen Kreisen als Abfall von Gott bezeichnet. Düsterer Fanatismus, ein entsetzliches Betrugssystem und ein wilder Sinnentaumel aber machen den Chasidismus zu einer überaus bedenklichen Erscheinung auf religiösem Gebiete.