Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 35 (1879)
- Issue
- 9-10 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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154 gionen allen eigen ist, die Vorstellung nämlich, daß man sich durch einen den Forderungen der Religion entsprechenden Lebenswandel die Gunst der Gottheit erringt, durch das Gegentheil sie verscherzt. Das bekannte Wort deS antiken Philosophen: „Die Furcht hat die Götter geschaffen" ist zwar in dieser absoluten Fassung aus mehr als einem Grunde anfechtbar, allein es wohnt ihm in mannigfacher Hinsicht Wahrheit inne, und auch auf das Vorstehende läßt cs sich anwenden. Viele, vielleicht die meisten Menschen unterlassen Böses und vollbringen Gutes nur in Folge der Vorstellung, daß ihr Thun und Lassen unter himmlischer Kontrole stehe und sie durch sittlich-verwerfliche Thaten den Zorn Gottes und dadurch Fluch und Unglück auf sich laden, durch gute Handlungen dagegen sich das göttliche Wohlgefallen erwerben und des Segens und der Glückseligkeit auf Erden oder einst im ewigen Leben theilhaftig werden. (Auch hier ist das Wort und die Betrachtung wiederum das Mittel, diese Vorstellung dem Herzen und dem Geist einzuimpfen.) Es ist hier nicht der Ort, diese metaphysische Vorstellung näher zu prüfen; es soll nur festgestellt werden, daß bei den Massen die Religionen ihre sittliche Wirkung hauptsächlich ihr verdanken. Wenn nun eine Religion die Forderungen, die sie an den menschlichen Willen stellt, nicht nur oder nicht hauptsächlich auf das Sittengesetz beschränkt; wenn sie neben den sittlichen Forderungen noch eine Menge anderer Thaten oder Enthaltungen, oder sagen wir kurz Observanzen dem menschlichen Willen aufbürdet; wenn im Bewußtsein der Menge diese Observanzen den moralischen Forderungen an Wichtigkeit und Bedeutung gleich stehn, vielleicht gar sie übertreffen; wenn dieselben so zahlreich sind, so hemmend eingreifen in das Leben, in den bürgerlichen Verkehr, daß sie der gewöhnliche Mensch kaum alle übersehn und im Gedächtniß behalten, noch weniger beobachten kann und er selbst dies wohl weiß — welche psychologische Wirkung wird sich hier ergeben? Unsers Erachtens folgende: Ganz unbewußt wird allmählig das religiöse Bewußtsein eine Auslese treffen unter den religiösen Pflichten. Es wird solche, die ihm als besonders wichtig gelten und die keine allzuschweren Opfer erfordern (die wir mit a bezeichnen wollen), streng erfüllen. Es wird andere b nur nachlässig und unter gewissen Umständen erfüllen; und es wird endlich über