Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 35 (1879)
- Issue
- 5-6 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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85 Wie soll man sich also darüber verwundern, wenn die übrige Menschheit darin so ziemlich eins ist, daß jedenfalls das Judenthum nicht die Wahrheit ist. Doch man läßt uns jüdischerseits nicht los; und so verlohnt es sich denn auch der Mühe, zumal das Selbstzeugniß der Juden aller Parteien unerschütterlich die Ueberlegenheit und Wahrheit „des Judenthums" behauptet, immer wieder die neuesten Ansprüche derselben zu prüfen, ob sich nach diesen vielleicht ihre Sache besser stelle. Der Landrabbiner von Hessen-Cassel Dr. 8. Adler hat jüngst ein Buch „Hillel und Schammai" erscheinen lassen, welches die miteinander kämpfenden Reformer und Orthodoxen der Juden zum Frieden bewegen soll. An dem Beispiele jener beiden alten Lehrer, welche unmittelbar vor Christo lebten, will er zeigen, welchen Standpunkt die Juden in allen religiösen Streitigkeiten, die in ihrer Mitte entstehn, einzunehmen haben. Hillel und Schammai standen im durchgreifendsten Widerspruche miteinander, aber sobald in irgend einer religiösen Frage ein Majoritäts-Beschluß erfolgt war, ordnete sich der andere Theil sofort unter; denn es galt Jedem das Prinzip, um keinen Preis, und es koste oder werde gefordert, was da wolle, die Gemeinschaft mit dem Ganzen zu verlieren, aufzugeben oder sie zu zerreißen. Die Trennung galt als ein solches Nebel, daß kein Opfer zu groß erschien, um nur diese zu verhindern. Dies stellt nun Dr. Adler als das bleibende Prinzip des Judenthums für die Juden fest. Der Glaube, so erklärt derselbe, ist immer nur eine Ansicht und hat daher auch lediglich den Werth derselben; Ansicht mag da gegen Ansicht stehn. Nach dem Talmud heißt es: Diese und jene sind Worte des lebendigen Gottes. Die geradesten und direktesten Gegensätze in den Ueberzeugungen der Juden sind gleicher Weise göttlich und heilig. Eben darum opfert auch Niemand die Wahrheit, welcher selbst in das Lager der Gegner übergeht, wenn dieselben die Majorität bilden; vielmehr übt er darin die rechte Tugend, und unter den Juden ist „Vvlkesstimme Gottesstimme", die Majorität entscheidet in jedem Falle. Ein merkwürdiger Grundsatz allerdings, denn, würde derselbe allgemeiner angewandt, so müßten die Juden längst Heiden geworden sein, da diese unzweifelhaft die Majorität in der Welt bilden.