Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 35 (1879)
- Issue
- 1-2 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Die Geschichte, wie sie hier folgt, ist in allen Einzelheiten vollkommen wahr und authentisch. Im Laufe dieses Jahrhunderts lebte in Italien ein Israelit voll Gradheit des Charakters, reich an Kenntnissen und frommen Sinnes. Noch ein junger Mann, hatte er sich bereits in seiner Stellung als Rabbiner einer bedeutenden Stadt des alten Königreiches Sardinien nicht nur die Achtung, das Vertrauen und die Liebe seiner Religionsgenossen, sondern auch die Zuneigung vieler Katholiken gewonnen. Ausgewachsen in den Borurtheilen seiner Religion, vermeinte er wirklich, daß der Messias noch nicht gekommen sei. Er liebte die heilige Schrift des alten Bundes, die er täglich las; und so oft er sie aufschlug, betete er zu Gott um Gnade, ihren Sinn recht aufzusassen. Er hatte bereits seine sechszig Jahre hinter sich, als er eines Tages der Gewohnheit gemäß sein Lieblingsbuch aufschlug, und sein Blick fiel auf das berühmte 53. Kapitel des Jesaias, worin das Leiden des Herrn im Voraus sich geschildert findet. Wohl an die 20 Mal hatte der ehrenhafte Rabbiner diese Stelle gelesen, ohne sie jemals begriffen zu haben. Allein die Stunde des „Es werde Licht!" hatte geschlagen. Er liest die paar Zeilen noch einmal, zweimal, dreimal und so fort; auf einmal schlägt er sich mit der Hand an die Stirn: „Wie! sollte denn der, von dem der Prophet Jesaias redet, nicht der Messias sein? — Ist am Ende der Jesus der Christen der verheißene Messias unserer Väter?" Er liest und liest sie immer wieder, diese Seite, die er früher schon so oft gelesen hatte. In einigen Wochen war kein Schatten des Zweifels mehr in seiner Seele, für ihn war der Messias erschienen; und der Messias war Christus, der Herr! Am Samstag, welcher der Erfassung der Wahrheit folgte, sah man den Rabbiner zu gewohnter Stunde die Stufen der Kanzel besteigen, von welcher aus er sein Volk in der Synagoge unterrichtete. Diesmal jedoch war sein Auftreten ausnehmend ernst und feierlich. „Meine lieben Brüder!" sagte er zu seinen Zuhörern, „die zwanzig Jahre hindurch, während welcher ich euer Hirte war, seid Ihr mir stets mit Liebe und Ehrfurcht begegnet, und ich habe Euch, wie es meine Ausgabe war, nur das gelehrt, was ich für die Wahrheit hielt. Aber heute muß ich Euch bei meinem Gewissen und bei meiner Liebe zu Euch offen bekennen, daß ich im 2