Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 35 (1879)
- Issue
- 1-2 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ständen und Klassen, wenn es sein mußte, den Weg vertraten und sie es Jedermann in sein Ohr hineinriefen, welches der Wille Gottes an ihn sei. Der Liebe ist es nie genug, nur zu schreiben, sondern für sie ist es wesentlich, die ganze eigene Person dranzugeben, damit Anderen eine Wohlthat geschehe. Jede Religion hat Schriften, welche für sie von der höchsten Wichtigkeit sind. Aber nur dann, wenn ihr Inhalt auch durch Zeugen und Boten und Verkündiger und Prediger unter das Volk gebracht wird, nur dann, wenn lebendige Menschen lebendig und persönlich das in die Herzen und Gewissen hineinrufen, was dort der an sich ja todte Buchstabe sagt, nur dann werden mehr als Einzelne hier und da auch zur Ueberzeugnng geführt. Religionsgemeinschaften sind nie vor Allem aus Bücher- und Schriftenwegen entstanden; die Bücher und Schriften sind vielmehr nur das bleibende Gedächtniß und Zeugniß der Religionsstifter und der Religionsbekenner. Wie würde es jemals eine alttestamentliche Religionsgemeinschaft, eine christliche Kirche oder einen Islam gegeben, wie würden dieselben eine so große Menschenschaar zu sich gesammelt haben, wenn es dieselben ihren Schriften überlassen hätten, ob, wie und wo ihr Glaube und ihre Erkenutniß unter die Menschen kämen! „Gehet hin!" mit diesem Befehl sendet Gott seine Diener im Alten Testament unter sein Volk Israel; „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker!" gebietet Christus seinen Jüngern, und „Gehet hin!" befiehlt auch Muhamed — nur sind die Waffen, mit denen die Einen und die Andern für diesen Eroberungszug ausgerüstet werden, gar verschieden. vr. Philippson beklagt sich, daß der Synagoge ihr Werk so schwer gemacht werde, indem man ihre Literatur möglichst ignorire. Wir wollen einmal nicht viel davon reden, daß der Inhalt derselben so gar wenig bietet, was nicht durch die Arbeit von Christen schon völlig bekannt wäre; wir wollen nicht viel davon sprechen, daß diese Literatur in der That nur die religiösen Gedanken unseres alten und modernen Rationalismus enthält und sonst nur noch Eins, was über denselben hinausgeht, nämlich die Zumuthung, über die Juden selbst so zu denken, wie es diesen beliebt und gefällt — wir fragen vielmehr, warum sich denn die Synagoge nicht selbst aufmacht, wenn sie den höchsten Beruf in der Menschheit hat, und warum sie nicht dazu gelangt, ernster, gewaltiger,