Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 11-12 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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201 Niemand für ihn eintreten. Wenn er sich herauswagt, um sich seine Bedürfnisse einzukaufen, so muß er, unter einem förmlichen Sturm von übler Behandlung, den doppelten Preis zahlen, und wenn er es nun erstanden hat, so ist Niemand da, um es ihm nach Hause zu schaffen. Niemand würde für ihn Wasser holen. Niemand seine Wäsche waschen oder seine Schuhe und Kleider ausbessern; Niemand würde ihn oder sein Weib in Krankheitsfällen bedienen, kein Haus und Zimmer öffnet sich ihm, wenn er solche miethen will, oder wenn er es gemiethet hat, dann wird er von Dritten aus seiner eigenen Wohnung herausgeworfen und seines Eigenthums beraubt; eine Wiedergutmachung des Schadens aber geschieht nicht ohne einen Aufruhr, der doch mit seiner Verurtheilnng endigt. Jetzt hat sich überdem noch ein Konnte gebildet und Geld gesammelt, um jedes verdächtige Individuum, an das man die Hand nicht legen kann, nach Tanger zu schaffen. Die Juden beklagen sich sonst über Intoleranz, die anderwärts gegen sie geübt werde; mögen sie sich es aber sagen lassen, daß sie erst den Balken der Intoleranz aus ihrem eigenen Auge ziehen sollen, ehe sie den Splitter aus ihres Bruders Auge ziehen. Dies ist nun die Lage der Mission in Marokko. Dieselbe giebt aber den Posten trotz aller Schwierigkeiten nicht auf, und bereits fühlt man es hier und da unter den Juden, daß man doch nicht recht handelt. Eine Jüdin aus den besseren Klassen sagte zu Frau Ginsburg, die, ohne dazu ausgefordert zu sein, in ihr Haus ging, um die kranken Augen ihrer Kinder auszuwaschen: „Wir fluchen euch, und die Flüche scheinen auf uns selbst zurückzufaüen; je mehr wir euch beleidigen, desto freundlicher seid ihr gegen uns. Nun segnen wir euch und können nicht anders, als euch lieben." Wahrscheinlich wird denn auch diese wie so manche frühere, obwohl nicht so wilde Opposition, durch Gottes Leiten und Regieren wieder überwunden werden, und dann die Sache der Wahrheit, welche die Widersacher zu zerstören trachteten, Fortschritte machen. Der Schriftenumlauf war unter solchen Umständen natürlich geringer als das Jahr zuvor, immer aber noch besser, als zu erwarten stand: 470 Bibeln und 638 Theile derselben wurden verkauft, noch mehr Schriften umsonst ausgetheilt. Etliche haben sich das Brot vom Munde abgespart, andere ihre Schuhe, noch andere Kleider anstatt Zahlung angeboten, und das muß doch wahrlich angesichts einer solchen Verfolgung Muth machen. Auch die Apotheke der Mission war mit dem Banne belegt worden, aber gerade dies hat so manches Gemüth der Juden erbittert; denn sie mußten nun sehen, wie die Ihrigen nach dem Willen der Rabbinen auf dem Krankenbette litten, während die Missionare denselben doch Hilfe zu gewähren bereit waren. Doppelt aber will es beachtet sein, daß in einem solchen Jahre 7 Personen getauft wurden, darunter 3 Kinder und eine Frau,