Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 9-10 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554844-2554850--07062-2563066- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 Diese Beispiele und derWortlaut der Schrift seien entscheidend. Es könne aber den Uebertretenden, welche im Judenthnm die Religion der vollen Wahrheit, der echten Liebe und der ganzen Dogmenfreiheit suchten, die Beschneidung erlassen werden; bei Mischehen speziell nehme man es überhaupt nicht so genau mit der Aufnahme, um die Kinder dem Judenthum zu erhalten. Dr. Felsenthal fühlt nun aber auch die Notwendigkeit, uns zu sagen, was denn eigentlich Judenthum sei? zumal er es, wie das gegenwärtig unter den Juden sehr häufig geschieht, eine Religion vollkommener Dogmenfreiheit nennt. Das frühere Judenthum sei freilich nicht eine solche Religion gewesen, im heutigen dagegen, so schreibt Dr. F., „herrscht in Bezug auf das, was zu glauben ist, eine fast schrankenlose individuelle Freiheit". — Die Thatsache ist übrigens richtig; nur wird man bei einer solchen Religion an das Messer ohne Schneide, dem der Griff fehlt, erinnert. Und wir werden auch sehn, daß es selbst bei Dr. F. und seiner großen Zahl von Gesinnungsgenossen unter den heutigen Juden durchaus nicht ganz ohne Dogmen abgeht; nur entscheidet hier über dieselben der eigene Geschmack und das eigene Belieben, denn ein anderes Maß, nach dem gemessen werden könnte, giebt es sonst bei ihnen nicht weiter. Das innerste Wesen des Judenthums, sagt Dr. F. mit sehr vielen anderen jüdischen Gelehrten, fordere eine vollkommene Dogmenfreiheit. Ganz richtig! denn dasselbe ist fundamentlos und an ihm in Erfüllung gegangen, was der Apostel Johannes längst vorausgesagt hat: „Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht!". An die Bibel, erklärt ebenderselbe ausdrücklich (ganz im Sinne aller modernen Juden, und diese sind die stets wachsende Zahl), sei das Judenthum auch nicht gebunden, die Bibel sei ihm nicht regula fidei, d. i. Regel und Richtschnur des Glaubens. Aber wieder mit der großen Masse der modern denkenden Juden erklärt dann Dr F., daß zwei Wahrheiten freilich die jüdische Religionslehre sesthalten müsse, und zwar zuerst die Lehre vom Dasein eines einzig-einen, überweltlichen Gottes. Man sieht, das ist ein bloßer Machtspruch; denn wer giebt den modernen Juden das Recht, während sie sonst Bibel und Talmud ganz nach Belieben behandeln, nun doch dem Belieben eine Schranke zn setzen?