Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 7-8 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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123 den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht." Dieser Jude war ehrlich genug, es einzugestehen, daß ihnen alle Religion abhanden komme, aber er hielt dies durchaus nicht für einen Schaden; denn der augenblickliche Lebensgenuß befriedigte ihn eben. So wurde ihm nun jedoch nachgewiesen, wie er im Selbstbetruge dahingehe, und wie erbärmlich und trostlos ein Leben sei, das nur geboren wird, um zu sterben, während der Christ von seinem Leben einen beständigen und wahrhaft seligen Gewinn davonträgt. Aber das ist freilich eine der allerwichtigsten Erfahrungen, die ich von dieser Missionsreise zurückgebracht habe, daß aller Orten in den Herzen der Juden jeder Glaube zu sterben begonnen hat, weil eben der Glaube der Synagoge ein willkührliches Ding ist. 1800 Jahre schien es, als hätten die Juden trotz der Verwerfung Christi eine Stärke, und als wäre es möglich, ohne den Sohn Gottes an einem himmlischen Vater festzuhalten. Unsere Zeiten beweisen es, daß dies auf die Dauer nicht möglich ist. Allerdings, religiöse Gedanken klingen noch überall unter den heutigen Juden und in der modernen Synagoge wieder, aber das Bild Gottes bei ihnen wird ein völlig blasses, unbestimmtes, nebelhaftes und innerlich unlebendiges. Alle ihre Versuche, den Gott, welchen die Synagoge die 1800 Jahre seit Christi Verwerfung hindurch bekannt hat, lebendig sich zu bewahren, mißlingen, — er stirbt, nachdem die Juden mit demselben in die moderne Kulturluft eingetreten sind. Nur die alten Namen haben sie noch; aber dieselben sind leere Gefäße; voll werden dieselben erst wiederum werden, wenn sie einst mit dem Lebensinhalt des Vaters, Sohnes und h. Geistes erfüllt werden; bis dahin müssen diese Gefäße bleiben, wie auch die Juden selbst: beide werden anfbewahrt für die Zeit, wo sie der Geist lebendig machen wird. 24. Ulte und neue Uropheten. „Schiller und Göthe", so erklärte mir am Abend dieses Tages ein Jude, „sind nicht weniger Propheten als Mose, Jesaia, Jeremia u. s. w.; diese alle haben mit ihrem scharfen Verstände die Entwickelung der Dinge im Voraus kommen sehen, und so sind ihre Aussprüche in den Geruch der Weissagungen gekommen." Aber die Vergleichung erwies sich bald als überaus hinkend; denn Schiller und Göthe haben freilich nur solches verkündigt, was ihnen der natürliche und geschichtliche Verlauf bereits vor die Augen