Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 7-8 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2554541-2554844-2554849--07007-2563010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 „Du bist verflucht!" herüber. Unser Freund wußte nicht weiter; so legte ich ihm jetzt Jeremias 23 vor, da Gott verheißt, er wolle einen Davidssohn senden, welcher Gerechtigkeit schaffen werde, denn er selbst werde den Sündern „Jehovah, der unsre Gerechtigkeit ist" werden — und der Gerechte durch ihn seines Glaubens leben. Moses und Christus stellte ich noch einmal vor sein Angesicht, das „Verflucht" vom Sinai, das „Gerechtigkeit" von Golgatha her ihm als Summa der beiden Testamente aufzeigend, und dann schieden wir. 10. Asses Unsinn. Da und dort findet man unter den Juden Leute, die am Frohesten wären, wenn sie Alle noch heute Christen würden. Nach einem lebhaften Gespräche, in welchem den jüdischen Zuhörern die völlige Unhaltbarkeit ihrer Stellung aufgedeckt worden war, erklärte einer aus ihrer Mitte heraus, daß es ihm viel lieber gewesen wäre, sein Vater hätte sich taufen lassen, und er selbst wäre als Kind ein Christ geworden; heute dagegen könne er aus Pietät gegen seine Verwandten den Schritt nicht thun. Ein russischer Jude nannte dieses Letztere keinen vernünftigen Grund, denn Ueberzeugungen müsse man, ohne Rücksichten hin und her zu nehmen, folgen. Er selbst stehe aber überhaupt zur religiösen Frage anders: alle Religion sei baarer Unsinn, Altes und Neues Testament gleicher Humbug, Moses wie Christus dieselben Betrüger; das sähen im Grunde genommen bereits alle heutigen Juden ein, und daher könne ein Jude nie Christ werden. Dem wilden, frechen Verächter alles Glaubens fehlte aber die Antwort nicht. Die jüdischen Apostel, welche für ihren Glauben an Christum nur den Tod geerntet, und Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung von Juden, die durch ihren Uebertritt nichts als Elend über sich gebracht haben, mußten zunächst dem Manne zeigen, daß die religiöse Frage für andere jüdische Herzen die tieffte und einschneidendste ihres ganzen Lebens geworden war. Da er aber die Vernunft als seine Göttin gefeiert hatte, so wurde er nun gebeten, sintemal wir Andern auch Vernunft hätten, nicht weiter so unverschämt sein zu wollen, daß er sein Bischen Vernunft als die Generalvernunst der ganzen Menschheit und aller Zeiten behandelte. Auf Einwendungen hiergegen proklamirte ich ihn als den Generalpächter der gesammten Menschheitsvernunft und künf-