Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 7-8 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Tagen werden ihm , entgegengehalten: aus jeder Seite kann man es da lesen, wie es die Juden fortwährend haben erleben müssen, daß man sich in ihre Seelenangelegenheiten mischte, wie ihre ganze Vergangenheit nichts Anderes bedeute, als daß sie niemals nach ihrem eigenen Herzenswünsche sollten hinleben dürfen, wie Strafen über Strafen, selbst bis zur Todesstrafe hin, allein aus religiösen Gründen über sie verhängt worden seien u. s. w.; und die hernachmalige Talmudzeit zeigt wieder nichts Anderes, als daß die Religion bis in die allerkleinsten Verhältnisse hin ordnend, gebietend, verbietend, strafend und richtend in das Leben der Juden eindrang. Heute aber schreibt einer der aufgeklärtesten Rabbiner, Dr. Felsenthal aus Chicago, eine Schrift, „zur Proselytenfrage", in der er geradezu erklärt, daß man das Judenthum im Herzpunkte träfe, wenn man ihm das Proselhtenmachen verbiete, denn es solle und wolle die Weltreligion werden, und das Proselhtenmachen gehöre deßhalb zu seinem Wesen. In der That, dem stolzen Manne erwuchsen die Feinde aus seinem eigenen Lager. Aber wie hätte er seine Niederlage eingestehen können. „Religion," herrschte er mich nun an, „haben Alle, jede sog. Religion aber ist nur eine Konfession, in Wahrheit giebt es nur Abarten der einen allgemeinen Religion!" — Ich verhals ihm dazu, daß er klarer heraustrat und sein Judenthum für die Generalreligion erklärte, aber zugleich mußte er sich auch die Bemerkung gefallen lassen, daß er, der Herr N. N., seine augenblicklichen sog. religiösen Einfälle der Menschheit als Generalreligion zugedacht hätte; denn es war ihm genug gezeigt worden, auf wie gespanntem Fuße er mit dem alten Testamente und dem Talmud lebte. Hiermit war mein Werk gethan. Auge und Mund des Mannes sendeten noch genug giftige Pfeile aus; aber wohlbehalten und unverwundet gingen wir davon. Hernach erlebte er noch wiederholt den Schmerz, es ansehn zu müssen, daß wir den Juden der Stadt das Evangelium von Christo verkündigten; er machte seinem gepreßten Herzen hierüber gegen seine Volksgenossen Luft, aber es half ihm nichts — denn wir fuhren fort zu predigen, und Jene wurden immer begieriger zu hören, ihm selbst aber blieb so der scharfe Stachel im Herzen stecken, daß der Goliath seines Judenthums nicht einmal den kleinen David der Mission zu tödten vermag. Ach, daß die Wunde weiter bluten, und die Hand des rechten Arztes sie dann heilen möchte!