Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 7-8 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2554541-2554844-2554849--07002-2563005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
106 5. Uor einem 'Irophetengraöe. Wir lsehen den Maurern zu, welche eine neue Synagoge erbauen. Dieselbe wird gar prächtig werden, denn in der Stadt sind die Propheten von den Juden begraben, und nun soll über ihrem Leichname ein monumentaler Bau aufgeführt werden. In der That geht man heute nie fehl, wenn man den religiösen Zustand der Juden nach ihren Synagogen beurtheilt. Je schöner und moderner dieselben ausschauen, desto gewisser wird daselbst der Kultur-Götzendienst und die Selbstverherrlichung der Juden, welche der Welt an ihnen selber die Vollendung des Menschthums darstelleu, getrieben. Was sind Moses, David und die Propheten gegen ihre heutigen gebildeten Nachkommen! und darum gebührt es sich auch, daß die Letzteren sich selber über den Leichnamen der Väter feiern; darum gebührt es sich zumal, daß sie es der Welt durch ihre Prachtsynagogen zu Gemüthe führen, wie die Juden alle Anderen weit überstrahlen! Selbstbewußt, die ganze Hoheit und Majestät des modernen Judenthums' in sich selbst verspürend, denn er fühlt sich als Repräsentanten und Verkörperung desselben an seinem Orte, schaut es der Gemeindevorsteher gerade an, wie die Mauern nun bald fertig dastehen werden — aber eben in diesem Augenblicke, wo seine Seele wahrhaftig ganz Anderes beschäftigt, wird er von Fremden angeredet, deren Aeußeres und deren erste Worte gar nicht mit seiner Seelenstimmüng im Einklänge stehn. O, er wittert bald Seelenfänger, und es kocht in seinem Innern. Ist denn nicht das Wagniß, an einen modernen Juden, welcher doch verlangt, daß die profanen Augen der Anderen die Prachtblüthe des Judenthums bewundernd anschauen sollen, Worte zu richten, die noch eine Frage für ihn selbst und an sein Gewissen werden sollen, ein arger Frevel oder zum Mindesten eine That der Frechheit? Wo sollen da Worte gefunden werden, um ein solches Majestätsvcrbrechen hinreichend zu strafen? In höchster Erregung verbittet es sich der Manu, sich in Seelensachen zu mischen, und stolz richtet er sich gegen die Proselytenmacher auf: „Unser Judenthum kannte von Anfang an keine Proselytenmacherei!" Aber unbegreiflich, die Missionare fühlen sich noch nicht niedergeschmettert. Der große Meister in Israel muß lernen und wird als ein sehr Lehrbedürftiger behandelt. Moses und sein Gesetz, die Propheten und die ganze Geschichte der Juden in alten