Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 7-8 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554844-2554849--06999-2563002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
103 sirt anziehn. Religion wollte man allerdings behalten, Gottesdienst und Gebete nicht aufgeben, aber davon freilich nur ja keine Unbequemlichkeiten haben. Es trägt eben zur Selbstberuhigung und Selbstzufriedenheit dieser Art Freigeister bei, daß sie noch die Existenz eines Gottes gelten lassen und ihn in grauer Ferne einsam leben lassen, denn sie sind damit nicht Atheisten und sind doch auch liberal; sie ehren Gott Mit einem kalten Lippenbekenntniß und behalten doch ihr Leben für sich selbst, sie vereinen das Unvereinbare und sind so der Ueberzeugung, Jedem sein Recht gegeben zu haben. 2. Täglich 24,000 Sünden, und doch ein Keiliger. Wunderbar, diese moderne Religion! Ein Mann in den besten Jahren, der offenbar das Behagen des Daseins so recht fühlte, wies meine Ansprache mit der kurzen Bemerkung ab, er glaube gar nichts. Diese Selbsttäuschung benahm ich ihm und ermahnte ihn, nicht wieder solche Unwahrheiten zu behaupten. Da lächelte er und wurde mit einem Male scheinbar sehr positiv. Ich hatte es versucht, sein Gewissen ein wenig zu wecken und ihm den Ernst der Sünde fühlbar zu machen. Er bekannte hierauf, daß es allerdings wahr sei, man sündige viel und oft, er selbst täglich wohl mehr als 24,000 Mal. Dem stimmte ich zu, stellte mich mit ihm in die gleiche Reihe und mit uns beiden auch den König David, der mehr Sünden in seinem Leben als Haare auf seinem Haupte gezählt habe — bat ihn nun aber, daß wir auch gemeinschaftlich bei David in die Schule gehn möchten, um von ihm Sündenschmerz, Sündenreue, Verlangen nach Vergebung und Erlösung und die Freude an dem Gotte des Heils zu lernen. Aber da wollte mein Freund nicht mitgehn; seine 24,000 Sünden täglich machten ihm nicht die geringste Noth, denn sie waren für seine Schultern federleicht: er vergab sich schnell Alles selbst und war ein Meister im Selbstabsolviren. Noch mehr, er kam sich in seinen Sünden lediglich als ein Märtyrer vor; sie kamen freilich alle aus ihm selbst und aus seinem eigenen Herzen, aber er sah sie lediglich als ein nothwendiges Uebel an, welches man eben auf Erden erleidet; von Schuldgefühl war nichts zu verspüren. Dagegen führte dieser Mann der „24,000 Sünden täglich" nun ein ganzes Heer eigener Tugenden in's Feld, und ich sehe noch die Finger vor mir, an denen er sie vorzählte. Ja, diese Tugenden waren sein eigenes 7*