Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 5-6 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2554541-2554844-2554848--06984-2562986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
89 statt des verfaulten Strohes, auf dem sie lagen, frisches hereintragen. Am zweiten Ostertag Abends erschien er wieder; die beiden Gefangenen begrüßten ihn mit dem Gesang der Lieder: „Jesu, meine Freude" und „Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig". Auch die Frau des Richters trat ein. Die Füße von Wiedmann waren im Stock so eingepreßt, daß er sich kaum des Schreiens enthalten konnte; aber er sang lieber und sang mit seinem Gefährten das Sterbelied: „Alle Menschen müssen sterben". Die Frau des Richters konnte das Jammerbild nicht länger mit ansehn, sie ging unter Thränen hinweg und sandte ihnen später einige Stärkungen zu. Einen Augenblick schien jetzt selbst der alte Rathsherr, der sie in den Stock hatte legen lassen, einige Rührung zu fühlen; sie durften etliche Tage stundenweise außerhalb des Stockes zubringen; doch gab er bald wieder Gegenbefehl. Später verschaffte ihnen aber der Dechant des Tags über einige Linderung. Auch der Jesuit, Regius mit Namen, stellte sich bei den Gefangenen wieder ein und hatte den Muth, vor diesen armen gequälten Leuten von der vielen Last, die ihm seine Amtsarbeit verursache, zu sprechen. Ueber Luther tapfer schmähend sprach er dann, wie den Katholiken ihr Glaube so viel mehr koste, denn sie müßten in der Buße viele Werke der Genugthuung aus sich nehmen. Die Missionare waren viel zu evangelisch, als daß sie daraus hingewiesen hätten, was sie um ihres Glaubens willen vor seinen Augen ertrugen, sondern predigten ihm vielmehr den ganzen Ernst der Sinnesänderung, ohne die keine Buße eine wahre Buße sei. Und auch diesen Mann ließ Wiedmann nicht von sich, ohne ihn erniahnt zu haben, die Juden im Geiste des Evangeliums aufzusuchen, damit sie des Heiles, das Christus für sie erworben, theilhaftig würden. Aehuliches geschah mit einem Kaplane des Bischofs von Köuiggrätz, der auch in diesen Tagen das Gefängniß besuchte und hierbei mit den Missionaren sprach. Dieser Priester erklärte kurzweg: „Die Juden sind ein verstocktes Volk, wir lassen sie fahren". Wiedmann aber hielt ihm den Apostel Paulus und Römer 11 entgegen und bezeugte ihm, daß auch jetzt vielleicht noch 7000 da seien, welche dem Baal ihre Kniee nicht gebeugt haben. „Weil ihr aber die Juden fahren lasset, so fallen sie uns heim, wir sind die nächsten Erben." Der Kaplan hatte da mit einem Male die Antwort: er sei nicht hergekommen, um zu disputiren, sondern nur um zu sehn.