Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 5-6 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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88 mehrfach Besuche aus der Stadt und vom Lande. Die evangelischen Glaubensboten theilten denselben, wenn sie Deutsch verstanden, ihre Geschichte mit und ließen es sich dabei niemals nehmen, diesen Leuten „ihre Christenpflicht gegen das jüdische Volk an's Herz zu legen". Die meisten derselben fühlten ein inniges Mitleid für die Missionare und verließen sie nicht ohne Geschenke. Am Schönsten gestaltete sich natürlich der Verkehr mit dem gefangenen Hussiten, einem alten Manne; derselbe zeigte ihnen an seinem grauen Haupte, in welch barbarischer Weise ihn ein kathol. Geistlicher behandelt habe; eine ganze Anzahl seiner Glaubensgenossen hatte man bereits vor ihm aufgehängt oder hingerichtet. Das Allcrerfreulichste aber war für die Missionare das Verhalten der böhmischen Juden gegen sie, da sie nun im Kerker saßen. Der Mitgefangene Jude war ihr Dolmetsch; sie selbst wollten die böhmische Sprache nicht erlernen, um keinen Verdacht gegen sich auskommen zu lassen. Durch denselben Mann ging auch ihr ganzer Verkehr; er war im Anfänge ihr Koch und Diener und richtete Alles für sie aus, da sie ja, im Blocke liegend, nicht von der Stelle konnten, und so seiner bei Tag und Nacht bedurften. Durch ihn gelangte denn auch die Kunde von ihrer Gefangenschaft unter die Juden, und viele derselben kamen herbei, die armen Missionare zu sehn. So wurde den Letzteren aber auch in den Ketten ihr Herzenswunsch erfüllt, den Kindern Israel das Zcugniß von ihrem Heilande zu bringen. Mitleidig sahen dann die Juden die grausame Behandlung der Glaubensboten an, oft beschenkten sie dieselben, und das Wort, das so aus Eisen und Banden heraus ihnen gepredigt ward, übte auch auf die Herzen eine besondere Macht aus. „Mit Freudenthränen", schreibt Manitius, „habe ich bisweilen Gott Dank gesagt, wenn er uns so gute Gelegenheit schenkte, daß wir in unseren Banden die hohe Gnade Gottes in Christo Jesu den Juden beweglich an das Herz legen konnten." Am Ostersonntage besuchte sie der eine der Richter, nannte sich scherzweise einen Hussiten und forderte sie auf, ihm ein schönes Lied zu singen, denn er habe gehört, daß sie gut sängen. Trotz des Blockes thaten sie dies auch und sangen ihm, ihres Glaubens froh: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren; O heil'gcr Geist, kehr' bei uns ein" u. s. w. Zum Lohne dafür ließ er ihnen