Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 34 (1878)
- Issue
- 1-2 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 betrübt und über meine Mutter um der Behandlung willen, welche dieselbe Sie hatte erfahren lassen, recht böse. Nein, rief er aus, diese Leute sind keine Abtrünnigen, sie sind wahre Israeliten, weil sie den Messias annehmen, den der heilige Gott unfern Vätern verheißen und den er in der rechten Zeit auch gesandt hat. Wir dagegen, die wir uns Juden nennen, lassen uns von unfern Rabbinern betrügen. Ich habe die Sache erwogen und ihr mit der äußersten Sorgfalt nachgeforscht. Unsere eigene Bibel sagt uns, daß der Messias gekommen ist, und beweist es mit voller Klarheit, daß Keiner als Jesus allein der Erlöser Israels ist. Das ist der Glaube, den wir Juden annehmen müssen, und gewiß, wir Alle müssen noch Christen werden. — Sie haben keine Vorstellung, fuhr hiernach der junge Mann fort, was für eine Scene dieser Erklärung meines Vaters folgte. Wehklagen, Vorwürfe und die heftige Erklärung, er sei verrückt geworden, mußte mein Vater von Seiten meiner Mutter hören, während er hierauf Andeutungen fallen ließ, daß es nach solchem Allen sein Entschluß sei, sie zu verlassen. Die Zwietracht und der häusliche Hader wurden dann zwar durch einige mütterliche Verwandte, die deshalb aus dem Haag herübergekommen waren, gedämpft, aber nicht auf die Dauer. Nach einiger Zeit nahm mein.Vater wieder das Lesen und Forschen in der heiligen Schrift auf; ja, eines Tages brachte er sogar ein Neues Testament heim und ließ mich ihm dasselbe zu gewissen Zeiten vorlesen. Jndeß wurde aber jeder seiner Schritte genau von unseren Verwandten überwacht. Unmerklich zunächst nahm aber jetzt auch meines Vaters Gesundheit ab, der Zustand verschlimmerte sich dann, und er wurde zuletzt auf's Krankenlager gelegt. Während seiner langen Leidenszeit war die heilige Schrift sein einziger Trost. Ach, wie oft saß ich an seinem Bette, um ihm in seinen einsamen Stunden vorzulesen! Niemals aber werde ich vergessen, welches die letzten Schriftabschnitte waren, die ich ihm auf seinen Wunsch vorlas. Es waren das 53. Kap. Jesaia und das 31. Jeremia. Sein Ende war nahe. Mit sterbendem Munde bat er mich, niemals von diesem Führer und Begleiter, der heiligen Schrift, zu lassen, und das Lesen und Studiren im Neuen Testamente nicht zu vernachlässigen." Bei diesem Theile seiner Erzählung wurde der junge Mann von seinen Gefühlen übermannt, und die Thränen flössen ihm von seinen Wangen herunter.