Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 11-12 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554836-2554843--06877-2562876- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
18t und voll verkündigen, und alle Einwendungen waren nur solche, welche das innere Fragen nach der Wahrheit anzeigten. Beim Abschiede reichten wir uns die Hände, und Lehrer K. sagte, er danke mir für diese Stunde, sie werde ihn jedenfalls antreiben, ernster und wiederholt dem nachzudenken, was wir mit einander geredet hätten. — Der heilige Geist aber wolle das Samenkorn begießen! Die Arbeiter der Mission in P. empfingen uns überaus freundlich; wir durften insbesondere ihrem Unterricht in der mehrere hundert jüdische Kinder zählenden Schule beiwohnen. Hier wird das Evangelium frank und frei gelehrt — und doch! Die frommen, treuen Lehrer sagten mir auf meine Frage, es sei ihnen noch kein Beispiel bekannt, daß eins dieser Kinder im spätern Leben mit dem offenen Bekenntniß zu Christo herausgetreten sei! Gewiß eine Mahnung, den Werth der Missionsschulen nicht zu überschätzen! Der letzte Ort unserer Arbeit war S. Auf der Straße redete ich einen Juden an und frug ihn über die Verhältnisse der Israeliten des Ortes. Er äußerte hierbei, daß er eigentlich nicht wisse, warum die Juden so oft Israeliten genannt würden. Dafür schlug ihn ein Anderer auf den Kopf und sagte: „Darum, du dummer Mensch, weil sich Jakob mit dem Engel gerauft hat!" Wir fanden hier, wie überhaupt nur gar zu oft in Ungarn, die Juden im Kaffeehause eisrigst mit Kartenspielen beschäftigt. Einer dieser Spieler, ein Lehrer, frug beim Mittagbrote plötzlich meinen Kollegen, ob wir Missionäre seien. Als ihm das bejaht wurde, freute er sich höchlichst darüber. „Vor 2 Jahren sind auch Missionäre in S. gewesen, und wir haben uns mit denselben köstlich amüsirt." Ich erschrak zunächst über dieses Wort, aber der Lehrer erläuterte es: „Wir haben mit ihnen stundenlang disputirt, und das war ein rechter Genuß. Einer der Herren entwickelte übrigens hierbei eine unerbittliche Logik, in der That, die Logik war auf seiner Seite — aber wir glauben es eben nicht!" Ich zog mich deshalb nach kurzem Gespräche mehr zurück, denn ein neues Amüsement wollte ich dem disputationslustigen Herrn nicht bereiten. Und freilich, hier ist eine Klippe für uns Judenmissionare! Der jüdische alte Adam hat eine ungemeine Freude an religiösen Disputationen, denn er gewinnt aus denselben immer neue Nahrung, und wir Missionare sollen doch nicht die Stärkung oder Befrie-