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Dibre Emeth · 1877-01-01 · 11-12 (1877) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
33 (1877)
Issue
11-12 (1877)
Date
1877-01-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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175 klar durchdacht, aber ohne innere Wärme und oft nur zu sehr von der Eitelkeit diktirt. Ueberdem wandte er sich in seiner Predigt eine längere Zeit an einen vor ihm sitzenden reichen Mann, den er für die ansehnlichen Summen, die er zum Besten der Gemeinde geopfert hatte, mit kaum glaublichen Lobreden in's Angesicht hinein lobte. Den Schluß der Predigt hörte ich nicht, denn ich mußte früher aufbrcchen. So frug ich denn des Nachmittags im Kaffeehause, wie dieser Schluß gelautet habe. Die Zuhörer hatten scheinbar höchst andächtig der Rede ihres Rabbiners gelauscht, aber Niemand hatte den Schluß behalten. Endlich fand man einen gebildeteren Lehrer, der Aufschluß geben konnte. Rabbiner Dr. K. hatte zuletzt über die Unsterblichkeit geredet und seine Gemeinde belehrt, daß unter derselben unser Fortleben im Gedächtniß der Nachwelt zu verstehen sei! Das gab denn Anlaß zu weiterem Gespräche, und wir Beide, Kollege H. und ich, waren hierbei förmlich von Juden umringt. Der Schaden solcher Predigt, wie die am Vormittag gehörte, war unser Ausgangspunkt, aber nun ging cs auch weiter. Der eine Schaden gab Anlaß, die Blicke tiefer zu lenken.; die Quelle wurde aufgezeigt, aus der alles Unheil auf Erden fließt: die Sünde. Jener Lehrer stimmte soweit Allem zu, aber das sündliche Verderben des Menschen wollte er nicht zugestehn. Bis dahin voller Mäßigung und Anstand, erregte er sich immer mehr, je mehr ihm der Spiegel der göttlichen Gebote vorgehalten wurde. Die Schrift sagt: „Unser Dichten und Trachten ist böse von Jugend auf" — „Aber wir Juden", lautete die heftige Antwort, „glauben an keine Erbsünde; die Versuchung zum Bösen und die bösen Triebe sind keine Sünde, ohne sie gäbe es vielmehr für den Menschen nicht das Verdienst, das Gute gethan zu haben." „David bekennt aber doch: Ich bin in Sünden empfangen," „O, das ist eine falsche Uebersetzung, es heißt, ich bin in Unglück empfangen!" „Die Schrift fordert solche Heiligkeit von uns, wie die Heiligkeit Gottes ist," „Aber die jüdische Lehre legt das Alles anders aus!" Die jüdische Lehre war der gelehrte Herr nicht im Stande durch die Schrift zu rechtfertigen, aber seine Erregung war so groß geworden, daß wir abbrechen mußten. Später erschienen drei Juden in unserem Gasthause, um uns zu bitten, mit ihnen weiter zu sprechen; wir nahmen es unter der Bedingung an, daß sie uns auf einem Spaziergange begleiteten.

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