Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 11-12 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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169 nalen Gewohnheiten Allen ihre eigene Art gestatteten. Das gab denn Anlaß, über die Weite des Christcnthums im Vergleich zum Judenthume und allen anderen Religionen zu sprechen, ebenso aber auch das wahre Wesen des Christenthums gegenüber der katholischen Entstellung darzuthun — und als ich nun Abschied nahm, hörte ich das Thema unter den von mir genannten Gesichtspunkten im Kreise der Juden lebhaft weiter erörtern. In R. fand ich freundliches Gehör, als ich einem jungen jüdischen Manne, der sich in unfläthigen Erzählungen erging, dieselben verwies; aber die Gemüther zeigten sich in ihr Gemüthlichkeitssystem so verstrickt, daß sie gar nicht einmal zu lebhafterem Widerspruche kamen. Freundlich hörten sie zu, als ich sie bat, die wichtigste Frage: Was ist Wahrheit, und wie kann ich der Freund Gottes werden? mit mir ein wenig zu überlegen; einen Wiederhall aber vernahm ich nicht. Unsere Zeit in S. fiel noch in die festliche Sukkoth- (Laubhütten-) Zeit. Man hatte wieder seine Freude daran, daß der evangelische Geistliche ein wenig Hebräisch konnte und diese Sprache liebte. Unsere Unterhaltung führte darauf, wie die Gebete der jüdischen Festtage so voller Sehnsucht nach einem besseren Zustande seien, wie oft sich in ihnen ein ernsteres Verlangen nach der Gewißheit der Sündenvergebung kundthue, und welchen Weg die Schrift uns gezeigt habe, um zu derselben zu gelangen. Innerlich fehlte allerdings ganz sichtbar nach das Verstäudniß für diese Fragen, aber die Herzen waren wenigstens auf dieselben hingewiesen. Einige der angesehensten Mitglieder der Gemeinde zu S. sprachen sich recht offen über die heutigen Zustände unter den Juden Ungarns aus. Dieselben äußerten sich besonders über die modernen Rabbiner in ihrer Mitte; bei äußerer Bildung und phrasenhafter Beredsamkeit hingen sie fast nur den Mantel nach dem Winde und redeten den Leuten zum Munde. Trotzdem fordern die Gemeinden derartige Prediger und verlangen von denselben, daß sie sich allen ihren Launen fügen. Das Geschlecht der alten ehrwürdigen Rabbiner dagegen ist schon fast ganz ausgestorben. Ein anderes Gespräch führte auf die Andacht und Geist tödtende Art, in welcher so vielfach der jüdische Gottesdienst geschieht, auf das Jagen, um nur das vvrgeschriebene Gebetspensum fertig zu bekommen, auf die häufigen Wiederholungen ». s. w. Man