Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 11-12 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Führer der Orthodoxen, wie besonders der Vater der Trennung, Rabbiner Dr. H., heute in Preußen thätig, haben sich zu wenig die sittliche Achtung errungen, als daß man ihrer Sache eine tiefere Sympathie zu schenken im Stande wäre. Damit sei es zunächst genug an allgemeinen Bemerkungen, und es mögen nun einzelne Mittheilungen aus dem Verkehre mit den Juden folgen. Es ist der Sabbath des Laubhüttenfestes, und wir befinden uns in O. Im Kaffeehause ist es zu lebhaften Gesprächen mit den Juden gekommen, nun aber ruft die Stunde zum Gottesdienst in der Synagoge. Ein freundlicher Herr in mittleren Jahren fordert mich auf, mit ihm zu gehen, und ich willige gern darein. Die Synagoge der Reformer ist ein noch neues Gebäude, an ihrem Thurme befindet sich ein Zifferblatt, das erste, welches ich jemals an einer Synagoge sah, das Uhrwerk fehlt jedoch bisher noch. Mein Freund, ein Levit, plaudert mit mir ununterbrochen während des Gottesdienstes, er hat dazu Zeit, und die Unterhaltung scheint ihm kein Hinderniß für die Andacht zu sein. Ich lese Zeile für Zeile im Sidur (Gebetbuche) mit; wohl kennt er mich bereits als evangelischen Geistlichen, aber dieses Lesen des Hebräischen wird ihm doch verdächtig, und so wendet er sich an mich mit der Frage: „Bitte, mein Herr, sind Sie vielleicht Missionar?" „Ja, das bin ich", lautet die Antwort, die meinen Nachbar offenbar sehr verstimmt. Wir stehen weiter neben einander, die Freundschaft von vorhin aber ist sehr abgekühlt; jetzt jedoch rafft er sich auf, und nun habe ich, während der Gottesdienst indeß weiter fortgeht, eine Predigt anzuhören. Der Inhalt war etwa folgender: Bor einem Jahre sind auch Missionare in O. gewesen, aber sie haben „keine Geschäfte gemacht"; trotzdem bleibt es nicht schön, Seelen zu kaufen, und ebenso ist mit tausenden von Gulden ein sog. Bekehrter zu theuer erkauft, aus Ueberzeugung ist jedenfalls noch kein Jude Christ geworden u. s. w.; wer kennt nicht die üblichen Bemerkungen gegen die Mission! Doch mein Freund wollte auch andere Waffen gegen das Evangelium kehren. Er sagte, daß er im N. T. gelesen und gesehen habe, dasselbe berufe sich auf Jesaia, denn es meine, dieser Prophet habe unter der Wurzel Jesse Jesum verstanden; wie falsch dies aber sei, gehe am Besten daraus hervor, daß Jesus ja gar nicht den dort geweissagten Frieden der Erde gebracht habe. Ich