Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 11-12 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Wie in Deutschland, ist aber auch das Judenthum Ungarns durch die Verbindung mit der modernen Kultur und dem modernen Staatsleben in allseitiger Umbildung begriffen, und die Konflikte zwischen Altem und Neuem sind auch hier nicht ausgeblieben. Die staatlichen Verhältnisse aber haben diesen Prozeß in Ungarn eigenthümlich gestaltet. Die völlige Freiheit, welche für religionsgemeindliche Bildungen vorhanden ist, hat eine rechtliche Scheidung der Parteien außerordentlich erleichtert. Die Anhänger des Alten oder die Orthodoxen (von der anderen Partei gewöhnlich „die Ochsen" genannt) sahen aber, je mehr sie selbst unter dem Genüsse der neuen Freiheit die alte, sichere talmudische Lebensanschauung und Lebensweise verloren hatten, die Möglichkeit, sich die Reste des Alten wenigstens zu retten, und die Selbsttäuschung, als ob sie dem Alten noch treu anhingen, zu bewahren, kein anderes Mittel, als Gemeinden eigener Art zu bilden. Und so ist es denn geschehen. Zwar zu jenem entschiedenen Widerspruch gegen das Neue, wie er unter den Gemeinden der Chasidim zu Tage tritt, haben es die dem Alten zugethanen Juden des westlichen Ungarns nicht gebracht; aber doch giebt es in fast allen Orten, die eine irgendwie ansehnlichere Zahl von Juden bergen, zwei auch rechtlich völlig getrennte Gemeinden: die der Fortschrittler und die der Orthodoxen; die erstere ist gewöhnlich die bedeutendere. Der geringere Bildungsstand der ungarischen Juden hat es mit sich gebracht, daß zu dieser Scheidung meistens nicht das klare Bewußtsein der im tiefsten Grunde vorhandenen Differenzen trieb, sondern das unklare Gefühl des inneren Unterschiedes drängte bei scheinbar ganz unbedeutenden Dingen zur Trennung hin. Der Bau der ja fast stets in den Städten erst neuerdings errichteten Synagogen führte am Ehesten zur Scheidung der verschiedenen Elemente. Man protestirte gegen die Einführung der Orgel oder eines Sängerchors, oder gegen die Entfernung des Almemor (Tisch für den Vorbeter) aus der Mitte der Synagoge, und bildete, wenn man mit dem Proteste nicht durchdrang, eigene Gemeinden. In den volkreicheren Städten sind die fortschrittlichen Gemeinden bei Weitem die größeren, auf dem Lande die orthodoxen. Die gemeindliche Trennung hat jedoch die Freundschaft im übrigen Leben unter den ungarischen Juden nicht gestört. Die Talmudisten haben übrigens sicher keine Zukunft, der Fortschritt und der Chasidismus gewinnen ihnen stetig Terrain ab; und gerade so manche