Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 11-12 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 man des Abends in den Gasthäusern oft ihre ergreifende, leidenschaftliche Musik hört, dann, fühlt man etwas davon, daß doch auch in diesen Seelen unruhige Fragen leben, die nach einer Antwort schreien. Bunt wie das Volk, ist das Bild der Religionen desselben. Die katholische Kirche, hier vielleicht nationaler als in vielen anderen Ländern, steht offenbar an erster Stelle; ihre Gotteshäuser fanden wir stets reichlich besucht. Unirte und Nicht-llnirte, Anhänger der griechischen Kirche zählen auch große Schaaren von Anhängern, aber ihre Gottesdienste scheinen mehr als Priestersache zu gelten. In der protestantischen Kirche, zumal in der reformirten der Magyaren, herrscht ganz überwiegend der dürrste Unglaube; unsere Besuche bei den protestantischen Geistlichen oder in den Kirchen derselben gewährten uns herzlich wenig Freude — natürlich gießt es rühmliche Ausnahmen unter den Magyaren und zumal unter den lutherischen Slavcn. Auch die rationalistischen Unitarier bilden eine staatlich anerkannte Religionsgeseüschaft. Aber von den Sekten der Nazarener u. s. w. abgesehen, will noch ein Element und ein Zug im Bilde in's Auge gefaßt werden, wenn dasselbe vollständig sein soll und wenn 'es recht verstanden werden will, das sind Ungarns Juden. Zu diesen waren wir gesandt, und ihnen galt unser tiefstes Interesse; wir haben der Anderen auch nur gedacht, um Ungarns Juden aus ihrer Umgebung und in derselben begreifen und recht würdigen zu können. In Ungarn nehmen die politischen und nationalen Interessen durchaus die erste Stelle ein, die religiösen treten dagegen hinter die ersteren zurück. Man ist daher gegen die verschiedenen Bekenntnisse durchaus duldsam und denkt wenig an die Ausbreitung der eigenen Religionsgemeinschaft über ihre bisherigen Grenzen hinaus. Je mehr sich also die Inden der herrschenden politischen, d. i. der magyarischen Strömung angeschlossen haben, desto mehr hat man sich auch in Ungarn daran gewöhnt, sie nur als gemeinsame Staatsbürger anzusehen. Die früheren Beschränkungen sind gefallen; sie dürfen jetzt, was vordem nicht der Fall war, in allen Städten wohnen; sie nehmen regen Antheil an allen öffentlichen Fragen, und jüdische Redner leiten nicht selten die allgemeinen Versammlungen. Das Auftreten der Juden ist daher auch in Ungarn ein durchaus ungezwungenes und natürliches; man merkt es wohl, daß sie sich ihre Stellung nicht immer erst zu er-